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Titel: Untouchable Autor: Anna, annawoerner[at]gmx[dot]net Genre: Romantik, Drama Zeit: Ein halbes Jahrzehnt
nach 6.22 Charaktere: Buffy, Spike Inhalt: Spike kehrt im Jahre
2048 nach Sunnydale zurück. Die Stadt war seit 2003 aus unbekannten Gründen
vom Erdboden verschwunden und erst jetzt gelang es ihm sie ausfindig zu
machen. Doch auf das, was ihn dort erwartet, war er nicht vorbereitet. Teil(e): 9 Abgeschlossen: Ja Wörter: 17879 Warnung: Sehr düstere Fiction!
Graphische Darstellung von Sex und Charaktertod. |

Teil 1 - Geisterstadt
Ein schwarzes Auto bremste mit quietschenden
Reifen auf dem breiten Highway. Die dröhnende Musik vermischte sich mit der
kalten Stille, als er die Wagentür öffnete. Die Sohle eines klobig-schwarzen
Stiefels berührte den grauen, unebenen Asphalt. Für kurze Zeit durchschnitt das
Aufflammen eines silbernen Feuerzeugs die herrschende Dunkelheit und erhellte
das markante Gesicht eines schwarzhaarigen Mannes.
Er knallte die Autotüre lautstark zu
und lehnte sich nachdenklich dagegen. Sein Blick viel auf das Ortsschild, das
ein wenig schief in der Erde steckte. Die ehemals gelbe Schrift wirkte farblos
und brüchig und er musste ein wenig lächeln als sein Blick auf ‚Genießen sie
ihren Aufenthalt!’ fiel.
Laut seiner Uhr war es mitten am Tag und
doch war der Himmel über ihm pechschwarz. Diese Stadt hatte schon seit vielen
Jahren keinen Sonnenaufgang mehr erlebt. Er blies den Rauch geräuschlos in die
Richtung des einst so fröhlichen Ortes. Langsam stieß er sich von dem schwarzen
DeSoto ab und ging einige Schritte die zertrümmerte
Straße entlang.
Die Ruinen der ersten Gebäude
tauchten zu seiner Seite auf und er lächelte bitter bei diesem Anblick.
Unheimliche Stille lag über dem Boden und einzig der Wind wisperte von Zeit zu
Zeit traurige Strophen vor sich hin.
Er hatte in England davon erfahren.
Vor nahezu fünfzig Jahren. ‚Das Ende Sunnydales’ hatten sie es tituliert. Das
Aufbrechen des Höllenschlundes. Der Tod der Jägerin. Es war ihm damals so
unwirklich vorgekommen. Doch jetzt – so viele Jahre später - alles mit seinen
eigenen Augen zu sehen, warf ihn grob in die Realität zurück.
Bedächtig ging er die lange
Hauptstraße entlang, die schon seit Ewigkeiten kein Auto mehr auf sich getragen
hatte. Vorbei an der Kirche, die bis auf die Grundmauern niedergebrannt war.
Die Glut war längst erloschen. Was zurück geblieben war, war die Asche. Die
sonst so blühenden Wiesen waren vergilbt. Ein brauner, erdiger Untergrund
zierte die Gehsteige. Die Blutspuren an den Hauswänden zeugten von sehr
einseitigen Kämpfen.
Sein Blick richtete sich kurz zum
Himmel. Vereinzelte Blitze zuckten über die pechschwarzen Wolken hinweg. Er
spürte den Höllenschlund. Er pulsierte unter seinen Füßen. Flüsterte zu ihm. So
mächtig wie zu dieser Zeit war er noch nie gewesen. Wenn man ein Mitglied im
Club war spürte man ihn überall, doch nun – so nah, so greifbar – es war
überwältigend.
Er bog um die Ecke und schnippte die
abgebrannte Zigarette weg. Sein ausdrucksloser Blick richtete sich auf den
steinigen Hügel, der vor ihm steil in die Höhe ragte. Nur noch einige flache
Bausteine und zertrümmerte Tische und Stühle zeugten davon, dass hier einmal
die Schule gestanden hatte. Ein dünnes Lächeln überzog seine Mundwinkel. So
flüchtig wie ein Wimpernschlag.
Hinter ihm flog eine zerbeulte
Mülltonne auf den Boden und ein kleines Mädchen stand, bloß mit einem grauen
Fetzen umhüllt, vor ihm. Er legte den Kopf schief und blickte sie ungläubig an.
Hier lebten noch Menschen?
Sie sah ihn aus großen, grünen Augen
ängstlich an und drückte einen einäugigen Teddybären fest an sich. Sie konnte
nicht älter als fünf sein. Unglaublich. Er sank langsam auf die Knie und
streckte seine rechte Hand nach dem Mädchen aus.
„Du solltest hier nicht sein.“ sagte
er leise, als das Mädchen ihre kleine Hand in seine legte. Das Mädchen
lächelte. Beinahe glücklich.
„Mama hat gesagt ich soll im Keller
bleiben.“ flüsterte sie abgehakt und presste den Bären noch fester an ihre
Brust. „Aber dann haben sie sie geholt.“ Der Vampir lächelte traurig und fuhr
mit seinem Daumen über das dreckverschmierte Gesicht des Kindes.
„Papa will, dass ich hier
warte, bis er zurück kommt.“ sie legte ihren Kopf schief und fuhr mit ihrem
kleinen Zeigefinger über das Gesicht des Mannes.
Sanft strich sie über die
lange Narbe die sich über dessen Wange zog.
„Wirst du mich jetzt töten?“
fragte sie mit seltsam fester Stimme und seine blassen Lippen öffneten sich
erstaunt.
„Papa wird furchtbar böse auf
mich sein.“ stellte sie nachdenklich fest und eine kleine Falte legte sich zwischen
ihre Augenbrauen. Doch bevor er etwas sagen könnte hörte er schnelle Schritte.
Ein blonder Mann packte das kleine Mädchen, hob sie in seine Arme und wich mit
ihr einige Schritte zurück.
Sofort zückte er ein riesiges
Kreuz und hielte es beschützend vor sich. Der Vampir lächelte amüsiert und
beobachtete, wie der Mann das Mädchen über seine Schulter legte und einige
Schritte rückwärts stolperte.
„Ich bin neu hier. Kannst du mir
erklären was damals genau in dieser Stadt passiert ist?“ fragte er ruhig und
zog eine weitere Zigarette aus dem schwarzen Mantel. Der Vater beobachtete mit
misstrauischen Augen, wie die Gestalt vor sich den Tabak entflammte und das
Feuerzeug zurück in seine Tasche fallen ließ.
„Jemand von deiner Art sollte es wissen.“ betonte er jedes
Wort voller Verachtung und drückte dem Mädchen beruhigend einen Kuss auf die
langen, blonden Locken. Das Lächeln auf dem Gesicht des Vampirs verstarb und er
zog ruhig von der brennenden Rolle.
„Hilf mir auf die Sprünge.“ Er
deutete mit der brennenden Spitze auf das Kreuz „Und nimm das verdammte Ding
runter. Wenn ich dich töten will, wird dir das auch nicht helfen.“
Der Mann zog zitternd die rauchige
Luft ein und ließ das Kreuz ein Stück sinken. „Ich war vielleicht neun. Ich
erinnere mich nicht wirklich gut an den Abend. Die Dämonen sind gleich nach ihrem Verschwinden in die Stadt
eingefallen.“ Er zog mit seinem Daumen tiefe Furchen über seine Stirn. „Dann
haben sie mit den Ritualen angefangen, bis der Höllenschlund sich geöffnet
hat.“ Seine Stimme brach und er sah in die dunkle Tiefe des Himmels und
blinzelte einige Male, als ob er Tränen zurückkämpfen müsste. „Die meisten
hatten keine Chance überhaupt zu reagieren, andere hatten weniger Glück.
Seitdem sind wir hier gefangen, es hält uns hier.“
Der schwarzhaarige Mann sah wieder
nachdenklich zu dem riesigen Steinberg auf, der sich hinter ihm erstreckte.
Seine Stimme verlor sich im Rauschen des Windes und das kleine Mädchen glaubte
Tränen in den eisblauen Augen dieses Geschöpfes zu sehen, als er sprach. „Wenn
es keinen Weg hinaus gibt, dann kämpft wirklich sie noch immer.“
Der Vater des Kindes sah verwundert
auf und betrachtete die plötzliche Wandlung des Vampirs.
„Ja, und es wird niemals aufhören,
weil der Zauber schief ging und sie nicht weiß, dass bereits alles vorbei ist.“
sagte er leise und auch sein Blick wandte sich zu dem hohen Hügel. Der Nebel umschleierte die Spitze und man konnte nur undeutlich
erkennen wie hoch dieses Gebilde tatsächlich war. Doch der Gipfel war hell
erleuchtet. Wie eine Glaskuppel umschloss ein helles Licht diesen Ort und
schien ihn zu schützen.
Mit einem Seufzen
ließ er seinen Blick wieder sinken und starrte stattdessen die Hauptstraße
entlang. Die zweite Kreuzung, die man durch den Nebel kaum mehr wahrnehmen
konnte, trug einen Namen von dem er wusste, dass dieser sich nicht und niemals
wieder aus seinem Gedächtnis lösen würde.
„Wo lebt ihr und die Anderen?“ raunte
er unbewusst und seine Pupillen richteten sich erneut auf das kauernde Paar vor
ihm.
„Es gibt einen Bunker am Stadtrand.“
erklärte der Mann „Doch es sind nicht mehr viele übrig, seit der Wächter tot
ist. Es gibt keinen Weg hinaus.“ Er senkte seinen Kopf etwas und zog mit einer
gewohnten Hektik die beißende Nachtluft ein.
Spike jedoch, strich sich nur mit einem
winzigen, wissenden Lächeln über die Stirn und vergrub seine Hände letztendlich
tief in den Taschen der Jeansjacke.
„Richtig. Ihr lasst eure Kinder
alleine durch die Gegend wandern und wundert euch dann wieso ihr weniger
werdet.“ sagte er ruhig und zeigte für einen kleinen Augenblick auf das winzige
Geschöpf vor sich. „Wäre ich nicht ich, wäre deine Kleine tot.“ Aufmerksam
musterte er ihre dünnen, dreckigen Arme und sah durch die großen klaffenden
Löcher in ihrer Kleidung. Es gab mehr von ihnen, als Stoff vorhanden war.
Kühler Atem trat durch seinen leicht
geöffneten Mund und er ging einige Schritte die Straße hinab. „Nun verschwindet
endlich und zur Hölle, bleibt in eurem Bunker, bis ich es sage.“ knurrte er und
sah für ein letztes Mal zurück.
Er schüttelte seinen Kopf leicht und
seine Stirn wellte sich, tiefe Furchen zogen sich zu seiner Nase. Gelbe Augen
musterten braune und der helle Schrei aus der süßen Kehle des Mädchens brachte
seinen Puls freudig zum rasen. Doch er schüttelte nur den Kopf und verdrängte
dieses Gefühl mit einem Achselzucken. Er war nicht zum Jagen hergekommen. Er
war hier weil seine Neugier ihn in den Wahnsinn getrieben hatte. Weil er sie
nicht vergessen konnte. Weil er es nicht wollte. Weil sie ihn nicht vergessen
ließ. Weil er gehört hatte, dass sie noch hier war. Verlassen. Verdammt.
Alleine.
Und Außerdem... jetzt wo er hier war,
in ihrer Stadt… konnte er ihren Geist
wieder spüren... Er wusste, wenn sie da war - und wenn es auch nur der letzte
verdammte Rest ihres Geruchs war, der noch in der Luft hing dann könnte er
niemanden töten. Nach einem halben Jahrhundert hatte er immer noch das Gefühl
etwas Besseres für sie sein zu müssen. Etwas von Wert.
Kurz seufzte er und ließ den Rauch
über seine Unterlippe entgleiten. Je schneller er Gewissheit hatte was aus ihr
geworden war vor über fünfzig Jahren, desto schneller konnte er wieder nach
London zurück. Weg von diesen Gedanken.
Während er die völlig finstere und
unebene Strecke entlang lief, sah er sich aufmerksam in dieser so entfremdeten
Umgebung um. Die verformten und von Ruß bedeckten Metallhaufen an der
Straßenseite erinnerten nur noch dunkel an das, was früher mal Autos gewesen
waren. Heute war es kaum noch vorstellbar, dass man sich irgendwann einmal mit
Hilfe von richtigem Benzin fortbewegt hat. Wenn man bedenkt, wie gefährlich
diese Methode nun war, war es jedes Mal ein glatter Selbstmordversuch in seinen
alten DeSoto zu steigen.
Aber er und einige andere wussten es
eben noch besser. Und auch wenn diese Karren hier nur noch einen Schatten ihrer
einstigen Form besaßen, war es wirklich nett sie mal wieder anzusehen.
Nostalgie und der ganze verdammte Mist.
Er hatte vor ein paar Jahren, als er
noch in Los Angeles gewohnt hatte, sogar Peaches über
diese neuen, magnetischen Was-auch-immer- ‚Autos’
meckern hören. Niemals in seinem untoten Dasein würde
er sich so ein Ding anschaffen. Nichts, wirklich nichts konnte das Gefühl
ersetzen sich in den guten, alten Ledersitz zu drücken und einfach
abzuschalten, während man mit Höchstgeschwindigkeit über den Asphalt fuhr.
Grinsend schüttelte er den Kopf und
sah langsam auf. Er wusste genau wo er stand. Auch wenn nichts mehr hier war,
was nur noch ansatzweise an Häuser erinnern könnte. Genauer genommen schien es
fast so, als ob das Unheil sich hier am stärksten breit gemacht hätte.
Seine Augen wanderten aufmerksam die
düstere Häuserlandschaft ab. Suchend nach einem Hinweis, oder etwas dass
zumindest auf das Geschehene hindeutete.
Seine Finger strichen für einige
Sekunden nachdenklich über die, mit Folie umgebene, Zigarettenschachtel bis er
diese öffnete und eine der länglichen Stängel herauszog. Seine Lippen umgaben
kaum spürbar den beigen Filter und er sah, während er den Tabak entflammte,
stur auf den Boden.
Dann drehte er sich etwas nach links
und blickte mit einem seltsam unberührten Blick auf eines der Häuser. Es hob
sich in keinster Weise hervor. Es war vom Ruß völlig geschwärzt und die
einstige handwerkgearbeitete Holzveranda war nur noch eine morsche Reihe von
Brettern. Zumindest war es so für jeden anderen Beobachter.
Aber nicht für ihn. Niemals für ihn.
Für ihn war es ein besonderes Haus.
Das einzige Haus in dem er je willkommen gewesen war. So viele Erinnerungen
hingen an diesem Gemäuer. Kakao und Marshmellows, der
Duft von Vanilleshampoo. Und es tat ihm in der Seele weh, es so zu sehen.
Nunja, zumindest war er davon überzeugt, dass es das tun würde, wenn er eine
Seele hätte.
Nach einem tiefen Zug von der
Zigarette ging er ganz leise auf die einstige Haustüre zu. Die drei gläsernen
Rechtecke waren zerbrochen und waren nur noch dumpfe Löcher die einen Blick auf
den Eingang Preis gaben.
Er atmete unbewusst ein, als er die
Türe leicht anstupste und hielt angespannt die Luft an, als diese mit einem lauten
Knall nach hinten fiel und auf dem Boden in ihre Einzelteile zerbröckelte.
Seine linke Augenbraue hob sich nachdenklich und er sah langsam, fast in
Zeitlupe auf. Rein aus Gewohnheit ließ er die Zigarette fallen, bevor er
eintrat.
Seine Augen wanderten die Innenräume
ab, streichelten mit sanftem Blick die verdreckten Polster der Couch ab und
hingen schließlich auf der Treppe.
Ihm war bewusst, dass das Haus jeden
Moment in sich zusammenfallen könnte, doch abgesehen davon, dass es ihn nicht
töten würde gab es ohnehin niemanden mehr, den das kümmern würde.
Teil 2 – Das Tagebuch
Er lächelte kurz nachdenklich und
ging in das ehemalige Wohnzimmer. Der Boden knarrte verräterisch unter seinen
schweren Stiefeln und er seufzte laut als er die vielen Bücher auf dem Tisch
sah.
Zwei große Stapel breiteten sich über
dem Wohnzimmertisch und dem Sessel aus. Angewidert strich er sich über die
Stirn und verzog das Gesicht. Nicht nur dass er wirklich keine Lust hatte in
diesen alten Wälzern zu stöbern, sie waren höchstwahrscheinlich alle in keinem
sehr guten Zustand und er würde sehr langsam und vorsichtig vorgehen müssen um
nichts zu beschädigen.
Resignierend ließ er seine Schultern
sinken und lief langsam auf die Sofaecke zu. Wenn er herausfinden wollte was hier
passiert war gab es wenig Möglichkeiten, die ihm offen blieben.
Natürlich hatte er sich in den vielen
Jahren so seine eigenen Gedanken gemacht warum Sunnydale plötzlich nicht mehr
auffindbar war. Wieso stattdessen ein riesiger Krater an dessen stelle klaffte.
Und warum zur Hölle absolut niemand ihm erklären wollte was passiert war.
Er war sich sicher es musste etwas
mit dem Rotschopf zu tun gehabt haben. Von ihrem kleinen Ausflug auf die dunkle
Seite hatte er selbst in England noch Wind bekommen. Vielleicht war es ja ein
Jahr danach noch einmal eskaliert? Doch wozu dieser gottverdammte Schutzwall,
wozu der Höllenschlund? Und wo zur Hölle war Buffy gewesen?
Nachdenklich zog er die Augenbrauen
zusammen und ließ sich vor dem Wohnzimmertisch langsam auf die Knie sinken.
Vorsichtig strich er den Staub vom oberen Rand des ersten Buch und wandte
seinen Körper zur Seite um den Titel lesen zu können. ‚WÄCHTERJOURNAL’ stand in großen Buchstaben auf dem ledernen Buchband und Spikes
Daumen strich langsam über die Oberfläche um den restlichen Teil des Deckblatts
frei zu legen. Eine große römische Vier kam zum Vorschein und schließlich, am
unteren Ende der Seite, zwei Jahreszahlen.
„Wie reizend. Ruperts Tagebuch.“
murmelte er zu sich selbst und umfasste den Einband mit dem Zeigefinger und
Daumen seiner linken Hand. Vorsichtig schlug er die Seite um und blickte auf
die vergilbten Blätter, die haltlos in dem Buch herumlagen. Auf dem ersten
Blatt stand in blauer Tinte ‚Rupert Giles’ mit dessen Unterschrift und einer Nummer. Spikes Blick verweilte
kurz auf der schnörkeligen Schrift bevor er umblätterte und sich gegen die
Sofalehne fallen ließ.
8. Mai, 2002: Der Flug
nach Sunnydale erscheint mir länger als sonst wenn ich darüber nachdenke, was auf
mich wartet. Zwar hat mich der Hexenzirkel mit einer Macht ausgestattet, die
ich unter allen anderen Umständen sicherlich abgelehnt hätte, und ich bin mir
sicher, dass ich Willow so vor weiterem Unheil schützen kann – jedoch bin ich
mir absolut unsicher darüber was dort auf mich warten wird. Womöglich war es
tatsächlich ein Fehler gewesen Buffy nach ihrer ‚Auferstehung’ alleine zu
lassen. Ich hätte erkennen müssen, wie sehr sie darunter litt und wie sehr sie
mich hätte brauchen können. Sicherlich hatte sie alle ihre Freunde um sich, die
ihr helfen wollten, doch eigentlich sind sie alle noch Kinder. Selbst Spike,
der immer noch an seiner höchst fragwürdigen Obsession...
Mit einem Knurren schmiss Spike das
Blatt auf den Fußboden und ließ einige weitere Seiten folgen. Wenn er etwas
nicht vorhatte, dann war das definitiv in Erinnerungen an das kleine Desaster
im Jahre 2002 zu denken. Verflucht, in diesem Jahr war er so verdammt kurz
davor gewesen sich seine Seele zurück zu holen. Für Sie.
Erneut schüttelte er den Kopf und
lächelte. Nicht darüber nachdenken. Er wandte er sich wieder den abgetrennten
Seiten zu und nach einigen Minuten befand er sich schließlich im Jahre 2003. Er
lächelte zufrieden und setzte sich langsam auf den Boden. Sein Blick schweifte über
die vielen langen Einträge. Er las jeden einzelnen kurz an und blätterte
schnell weiter.
2. September, 2003: Heute Nachmittag trafen wir uns alle schließlich noch einmal in Buffys
Haus. Sie wirkt immer noch seltsam abwesend in den letzten Tagen, dabei hatte
sie sich in den vergangenen Monaten so gut entwickelt – sie handelt viel
reifer, überlegter. Aber ausgerechnet jetzt, wenn alle Zeichen auf die nächste
Apokalypse hindeuten zieht sie sich wieder zurück.
Nach dem
Training habe ich sie darauf angesprochen, aber sie winkte nur ab, meinte es
sei nichts und ich bilde mir das alles nur ein. Auch Xander...
16. September, 2003: Trotz nächtelanger Recherche ist es scheinbar unvermeidbar die
temporäre Öffnung des Höllenschlundes in Kauf zu nehmen. Der Rat hat mir
versichert so schnell wie möglich Verstärkung nach Sunnydale zu schicken. Willows Idee Buffy mit einem Zauber an die Front zu
schicken, um das Land vor den Kreaturen zu beschützen, die ohne Zweifel
versuchen werden auszubrechen, erscheint mir nicht genug durchdacht. Es war ein
spontaner Einfall, der uns gestern gekommen ist und uns bleibt nicht viel Zeit.
Sicherlich ist es eine gute Methode um Zeit zu gewinnen, bis wir Hilfe bekommen
– aber Buffy – in diesem Zustand. So etwas wurde noch nie durchgeführt. Noch
nie. Wenn etwas schief geht weiß ich nicht wie ich es mir...
Kurzzeitig blickte er von den feinen
Tintenlinien auf und sah sich in dem Zimmer um. Es sah fast noch wie früher aus.
Die Bilder an den Wänden hingen etwas schief und alles war staubig. Ein Stuhl
lag mit abgesplitterten Stuhlbeinen vor dem Durchgang zur Küche. Er schüttelte
seufzend den Kopf und wandte sich wieder dem Wächterjournal zu.
18. September, 2003: Es sind nur noch wenige Stunden bis die Rituale beginnen werden und der
Höllenschlund geöffnet wird. Eine weitere Apokalypse. Willow und Ich haben uns
nach langen Diskussionen darüber geeinigt Buffy in eine Starre zu versetzen
während Willow den Zauber auf sie spricht. Das verursacht zwar einen völligen
Realitätsverlust, jedoch wird es Buffy so ermöglicht ohne jeglichen Ausdauer-
oder Kraftverlust mit den Dämonen zu kämpfen, die tagelang...
19. September, 2003: Der Bann wurde soeben ausgesprochen. Nachdem wir den größten Teil der
Bevölkerung dazu überreden konnten zu ihrer Sicherheit die Stadt zu verlassen,
wurde der Höllenschlund planmäßig geöffnet. Wir haben uns nun vorerst zurück
gezogen und hoffen, dass der Zauber so wirkt wie wir es geplant haben und Buffy
alle Kräfte mobilisieren kann um die Dämonen aufzuhalten, bis die anderen hier
ankommen. Hoffentlich wird das bald sein.
Spike sah langsam auf und blickte
durch die Tür auf die Straße. Man konnte den Berg, der von der Sunnydale High
in die Höhe schoss, von hier aus sehen. Er kniff seine Lider zusammen und
versuchte seinen Atem wieder etwas anzupassen. Seine Finger umgriffen den Stoff
des Sofas und er lehnte sich seufzend zurück. Bannzauber. Realitätsverlust.
Großartige verdammte Scheiße.
Kurz schoss ihm der Gedanke durch den
Kopf sich einfach in sein verdammtes Auto zu setzen und aus der Stadt zu
verschwinden. Neugier war erträglich. Auch der Wahnsinn jeden Tag an sie zu
denken war mit der Zeit alltäglich geworden. Er könnte noch hunderte Jahre
existieren ohne das hier. Er könnte.
Mit einem winzigen Lächeln auf den
bleichen Lippen hob er die Blätter wieder an und sein Mund öffnete sich ein
winziges Stück, als er merkte, dass die Handschrift nun eine andere war. Sein
Blick fiel beinahe automatisch auf das Datum und er schluckte nervös, als er zu
lesen begann.
8. November, 2003: Ich habe Giles versprochen weiter zu schreiben falls er stirbt. Rupert
Giles ist am 1. November im Jahre 2003 gestorben. Wir haben uns im Keller
verbarrikadiert und hoffen auf Rettung von außen, da nun nach und nach alles in
sich zusammenfällt. Falls das jemals einer lesen sollte, müsst ihr wissen, dass
wir es nicht kommen sehen konnten. Es ging zu schnell.
Willow hat es
erst kurz zuvor gespürt, als das Verderben schon an unserer Haustüre stand. Wir
dachten, dass lediglich formfeste Gestalten aus dem Höllenschlund treten
würden. Doch das war ein Irrtum. Sunnydale liegt in Schutt und Asche, man kann
vor lauter Ruß kaum mehr durch die Straßen laufen. Wenn der Ruß einen nicht
umbringt, sind es die Dämonen. Man kommt nicht mehr aus der Stadt heraus, ist
es ist als gäbe es kein „draußen“ mehr.
Es gibt kein
Wasser mehr, kaum mehr Essen und der Gestank von Leichen zieht durch die
Straßen. Buffy ist immer noch da oben. Ich weiß nicht ob Willows
Zauber von alleine nachgibt. Buffy würde uns retten, ich weiß es. Aber wir
können dort nicht hoch und sie herausholen. Und Willow ist nicht mehr hier.
Alle, die eine Antwort gewusst haben sind tot. und jetzt nach oben ins Haus zu
gehen wäre Selbstmord.
4. Dezember, 2003: Es ist alles vorbei. Hoffentlich wird es irgendwann möglich sein durch
diesen Wall zu treten und die
Überlebenden zu bergen. Es gibt einen Bunker am Stadtrand, ich denke viele sind
dort hin.
Ich kann
Schritte im Haus hören... es wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis
sie uns finden. Gott, ich weiß nicht wie die Dämonen an Buffy vorbei kamen.
Willow meinte es sei unmöglich, dass sie stirbt, da sie ihre Kräfte als Willow
den Zauber aussprach völlig gebündelt hatte. Xander war vor einigen Tagen noch
einmal draußen und meinte, dass sich überall seltsame Portale öffnen würden.
Wahrscheinlich kommen sie daher.
Sie haben angefangen gegen die Türe zu
hämmern, was wohl bedeutet, dass sie mit dem größten Teil der Stadt bereits
fertig sind. Xander versucht mir zu Liebe ruhig zu bleiben und macht mir
Hoffnungen, aber im Grunde weiß ich, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis
sie uns finden werden. Ich kann nicht mal sagen, dass ich Angst habe... es ist
nur Schade, dass ich Buffy nicht noch einmal sehen konnte. Ich hätte ihr so
viel sagen wollen. Vielleicht ist Willows
Zauber auch mit ihrem Tod gebrochen und Buffy wartet schon im Himmel auf -
Die Blätter fielen schwer zu Boden,
als Spike sich aufrichtete.
Sein Kiefer verspannte sich als er
einen kurzen Blick auf die Kellertüre warf. Und er wusste, dass es ihm nicht
gefallen würde was er dort vorfinden könnte. Aber er musste es mit eigenen
Augen sehen. Neugier war so eine verdammte Hure.
Sein Gesicht
zeigte keine Reaktion, als er den Bogen Papier wieder zusammenfaltete, ihn in
den Ledereinband schob und beides auf den Wohnzimmertisch legte.
Mit bedächtigen Schritten ging er in
den Flur und seine Hände fuhren beinahe liebevoll über die ebene, gelbweiße
Wand, während er sehr langsam auf die offene Kellertüre zulief. Der Geruch von
Moder und etwas anderem stieg ihm in die Nase als er seinen Fuß auf die erste
Treppe setzte.
-
Er hielt die Luft abrupt an und
hasste seinen vampirischen Geruchssinn, der die abgestandene Luft um ein
vielfaches intensivierte. Während er die morsche Treppe hinab stieg,
verspannten sich seine Hände zu losen Fäusten. Er hätte das hier verhindern
können. Er hätte diesen Zauber niemals zugelassen. Wäre er hier gewesen, wäre
es niemals dazu gekommen. Und er hasste Giles dafür, dass er nicht schlauer
gewesen war, nicht mehr hinterfragt hatte. Und er hasste Buffy dafür, dass es
ihr nicht wichtig genug gewesen war was mit ihr geschehen würde.
Letztendlich öffnete er seine Augen
und spähte gerade aus. Mit einem niedergeschlagenen Stöhnen sank er auf die
Knie und ließ seinen Kopf an die nahe Wand fallen. Das Licht des Vollmonds
wurde fast völlig von dem Dreck auf dem Fenster abgeschirmt, und nur wenige
Lichtstrahlen vielen auf die zwei Gebeine.
Einige Kleidungsfetzen hingen an
ihnen herunter. Und er war sich sicher, Dawn hatte ihren lilanen
Pullover angehabt. Doch er wollte nicht näher hingehen, stattdessen zog er
seine Knie an und legte seinen Kopf darauf. Seine Lider pressten sich
krampfhaft zusammen und er musste sich selbst auf die Lippe beißen um nicht zu
weinen.
Ein dumpfes Geräusch tönte immer und
immer wieder durch das alte Kellergemäuer und Spike registrierte kaum, dass es
von seinem Kopf kam der stetig gegen die Wand knallte. Er hätte damit umgehen
können, ihr Grab vorzufinden auf dem stand dass sie mit verfluchten siebzig
oder achtzig Jahren friedlich in ihrem Bett eingeschlafen war. Aber doch nicht
so. Nicht sein Krümel.
Abrupt wurde das Klopfen, das von
seinem Kopf ausging, unterbrochen und fünf schneeweiße Finger krallten sich
hart um das runde Treppengeländer. Er zog sich stumm daran hoch und ging die
Stufen hinauf. Wenn dieser ganze Müll erledigt war, würde er Dawn und auch
Harris ihre letzte Ehre zu Teil kommen lassen. Selbst er hatte es nicht
verdient in einem Keller langsam zu verwesen.
Teil 3 – Alte Wunden
Seine Schritte führten ihn geradewegs
zu der Haustüre und er wollte wirklich hinausgehen. Wirklich. Doch schließlich
hielt er inne und starrte auf den Türrahmen. Seine Hand bildete eine gerade
Linie, als er wie in Trance über die nicht vorhandene Barrikade strich, die ihn
so lange von diesem Haus ferngehalten hatte.
Er lächelte kaum merklich und drehte
sich ganz langsam um. Dann ging er, die Augen immer geradeaus, die Treppen in
den ersten Stock hoch und sah auf die verschlossene Türe. Er senkte seinen Kopf
und hielt einen Moment inne, bevor er sie öffnete.
Die Tür ging auf und das Knarren der
jahrelang unbenützten Scharniere zerriss die Stille. Beinahe ehrfürchtig setzte
er seinen linken Fuß auf den weißen Teppich und atmete tief ein, als er
letztendlich ganz in den Raum trat. Es roch seltsam, eine blasse Erinnerung an
Lavendel hing in der Luft.
Ein himmelblaues Tuch lag in der
Mitte des Bodens und er konnte nicht anders als stolz zu grinsen, dass sie es
aufgehoben hatte. Damals - es muss irgendwann im Frühjahr 2002 gewesen sein -
hatte sie es oft tragen müssen um spielerische Zahnabdrücke,
die er hinterlassen hatte zu verdecken.
Sein Zeigefinger schob sich unter den
seidenen Stoff und er hob es vorsichtig auf, roch fast automatisch daran und
konnte kaum glauben, dass ihr Geruch noch so intensiv an diesem Gegenstand
haftete.
Nachdenklich sah er sich in dem kleinen
Raum um, ließ seinen Blick über das Bett streifen. Über die alten ‚New Kids on the Block’ Poster bis hin zu der verstaubten Stereoanlage
auf dem kleinen Regal. Viel Zeit zum dekorieren hatte sie nie gehabt.
Der CD-Spieler erregte seine
Aufmerksamkeit und er drückte ein paar Knöpfe. Erstaunt darüber, dass
tatsächlich eine Musik zu hören war, drehte er an dem kleinen Rad und legte den
Kopf schief als die Musik lauter wurde und er das Lied schließlich erkannte.
Leave me out with the waste
This is not what I do
Streichermusik tönte durch den Raum.
Es waren zarte, wehmütige Töne in warmem Fluss, die sich ihren Weg zu ihm
bahnten. Sein Blick haftete, fest und doch abwesend, an einem Punkt in der
Dunkelheit, die das Zimmer, trotz der offenen Fenster, umgab. Dunkelheit ohne
Schatten, ohne Facetten, doch mit unfassbarer Tiefe. Ein Schwarz von
außergewöhnlicher Schärfe umgab die Gegenstände, die Buffy während ihrem Leben
hier angehäuft hatte.
Und doch hielt er ihn fest, den
Punkt, den Augenblick, den Gedanken an sie. Klarinetten gesellten sich in dem
Lied dazu, machten es lebendig. Ihre Augen sahen ihn an. Er seufzte und schloss
die Lider. Sie waren schwer geworden nach diesem seltsamen Tag.
Seine Hand tastete nach dem Tuch. Es lag da, wie es von seiner Hand gerutscht
war. Wann hatte er es fallen lassen? Seidig, glatt, beinahe noch warm. Es roch
so unwahrscheinlich gut. Ihr intensiver Duft, ihr Haar, ihr Atem. Alles hing in
diesem Tuch. Ihr Blick, ihr Lächeln. Er sah sie, wie sie in der Sonne stand,
das Tuch um den Hals geschlungen, das Haar offen im seichten Wind des
Frühlings.
Diese Melodie spielte mit ihrem
Lächeln, vermischte sich mit seinem Bild von ihr zu einem unwirklichen Ganzen.
Langsam ließ er sich, mit den Fingern in der Seide, auf den Boden sinken. Sein
Kopf lehnte an dem Bettrand und er versuchte sich fest auf dieses Bild zu
konzentrieren. Er hatte ihr Gesicht
viel zu lange
missen müssen.
It's the wrong kind of place
To be thinking of you
Momente später – ein Lächeln huschte über sein Gesicht,
wusste er dass sie jetzt da war, so lange er es wollte. Diese verdammten
Klarinetten verfälschte die Erinnerung an ihre Stimme. Das Dunkel versteckte
sie. Er sah sie inmitten schwerer Akkorde auf sich zukommen. Sie lächelte und
sie verzieh ihm. Sie wusste, wie unsicher er sein konnte. Sie war die
verfluchte einzige Person auf der Welt, die das gewusst hatte.
Er sah, wie sie ihm das Tuch abnahm
und es seicht durch ihre Finger fahren ließ. Doch sie lächelte weiter. Es gab
kein Entrinnen, ihr Blick haftete auf ihm, hielt ihn fest, gefangen, er krallte
sich in das Tuch, wollte es zurückziehen.
Die Erinnerungen schienen seinen
Verstand bis aufs Blut zu verfolgen und er presste seine Hände tonlos gegen
seine Schläfen. Und dann - er wollte es nicht wahrhaben - spürte er, wie ein
warmer Strom seine Wangen hinunter lief.
It's the wrong time
She's pulling me through
Die Ruhe kam nur allmählich zurück.
Wüsste er es nicht besser, hätte er behauptet, sein Herz würde beben. Ihre
Augen, sie ließen ihn nicht los. Sie kannte dieses Spiel nur zu gut,
schließlich hatte sie es erfunden. Er konnte ihnen nicht entkommen, er wollte
und wollte doch nicht.
Er spürte die Tränen, schmeckte das
Salz, doch er blieb, wo er war. Das Tuch lag so unscheinbar und schuldlos in
seinen Händen, hatte dieser ganze Mist doch erst mit dem Ding angefangen. Er
konnte nicht aufstehen, seine Gedanken gehorchten ihm nicht. Sie war da,
überall und doch nirgendwo.
Plötzlich brachten die Oboen dem Lied
seine nötige Ruhe, fast wurde es völlig Still. Sie lächelte ihn so unschuldig
an, als hätte sie nichts getan. Dieses verdammte Biest, so war er es von ihr
gewöhnt gewesen. Fast jungfräulich, das Haar glatt und locker auf den
Schultern, ihr Körper umspielt von den warmen Strahlen der Sonne. Aber
innerlich brannte sie für ihn, das hatte sie immer. Verdammtes Miststück. Er
konnte sie spüren - in diesem Moment war sie ihm so nah.
It's a small crime
And I've got no excuse
Die Streicher waren zurück, seine
Hand streichelte liebevoll die hellblaue Seide. Als ob er ihren Körper
berührte, durchfuhr ihn ein Blitz voller Wärme. Zuversicht erfüllte ihn, sein
Atem wurde ruhig. Er erinnerte sich an das Gefühl ihrer Lippen auf seinen. An
ihre Hände auf seiner Haut.. an das Gefühl in ihr zu sein. An ihr Lachen. Ihr
Weinen. Die Reue in ihrer Stimme. Er wusste alles von ihr, jedes Detail. Nichts
war vergessen. Er könnte sie nie
vergessen.
Teil 4 - Gefangen
Schnelle Schritte halten durch die
Nacht und es wunderte ihn kein Stück, dass er bis jetzt noch keinem einzigen
Dämon über den Weg gelaufen war. Nach über fünfzig Jahren in einer Stadt wie
Sunnydale. Entweder sie waren schlichtweg verhungert, da sie hier nicht
herauskamen oder sie hatten sich inzwischen selbst gegenseitig aus Langeweile
getötet.
Sein Blick war starr geradeaus
gerichtet. Er hatte immerhin schon viel zu viel Zeit mit sinnlosen Dingen
vergeudet und als nächstes stand die Sunnydale High auf seiner Liste. Er wusste
wirklich nicht, was er erwarten sollte. Hoffnung würde ihn umbringen, also
versuchte er das zu lassen. Was er sich gestattete zu hoffen war einen Weg zu
finden diese Stadt aus ihrer eigenen Welt herauszuzerren. Niemand hatte es
verdient so zu leben.
Hinter dem letzten Einfamilienhaus
tauchte der Schulkomplex auf, oder zumindest das, was davon übrig geblieben
war. Spike grinste das verbogene große Schild an, auf dem mit weißen Buchstaben
"Sunnydale High School" stand. Mit einer recht routinierten Bewegung
stieß er das Schild mit einem kurzen Tritt um und betrachtete es dort noch eine
Weile.
Dann legte er seinen Kopf in den
Nacken und fixierte die riesige Kuppel, die von Blitzen eingehüllt wurde. Es
war seltsam, dass ein derart hoher Turm in der Mitte der Stadt einfach so aufgetaucht
war... aber eigentlich sollte ihn hier gar nichts mehr wundern.
Er ging schnell und doch sehr
vorsichtig auf dieses hohe Gebilde zu und umkreiste es einige Male. Doch er
fand keinen Eingang und mit einem kleinen Seufzen auf den Lippen griff er nach
dem ersten, unebenen Stein, um sich daran hoch zu ziehen. Es war nicht wirklich
anstrengend, da der Turm nach oben hin immer dünner wurde und zeitweilig sich
auch kleine Wege durch den dunklen Fels zogen.
Er war sich nicht ganz sicher, wie
lange er geklettert war, bis die Kuppel nur noch einige Meter entfernt war. Die
letzte Strecke konnte er komplett laufen, da sich der schmale Weg nun wie ein
Kreisel um die Zugspitze schlängelte.
Sein Blick wanderte die Barriere ab,
die keine Sicht auf das Geschehen innerhalb Preis gab. Vorsichtig streckte er
seine Hand aus und ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht, als seine
Finger problemlos durch die Blitzwand durchdrangen. Er hatte sich gedacht, dass
einer der ranghöheren Dämonen diesen Wall gezogen haben mussten, um die Stadt
vor der Jägerin zu schützen... nicht aber vor den Dämonen, die problemlos
passieren konnten. Wenigstens hatte Willows Zauber bewirkt, dass die Dämonen
nicht ganz aus der Stadt heraus konnten und die Chance bekamen die Welt zu überfluten.
Jeder kam hinein, niemand kam hinaus. Cleveres Mädchen.
Fest entschlossen das jetzt endgültig
zu beenden, trat er nun völlig durch die Kuppel. Als er hindurch war,
erstreckte sich plötzlich eine riesige Ebene vor sich, obwohl die Zugspitze nur
noch wenige Quadratmeter breit gewesen sein konnte. Er zuckte mit den
Schultern. Realität wurde überbewertet.
Suchend blickte er sich auf der
Plattform um. Es schienen Bewegungen abzulaufen, die er mit seinen Augen nicht
erfassen konnte, so schnell waren sie. Blitze zuckten durch die Landschaft und
alles zentralisierte sich auf die Mitte. Er konnte Kampfgebrüll wahrnehmen und
das laute Klirren zweier, aufeinander prallenden Klingen. Und doch war alles
völlig leer und niemand war zu sehen.
„Was zur Hölle…“ murmelte er in
seinen Pullover und ging langsam, aber stetig auf den Mittelpunkt zu. Nach und
nach konnte er immer mehr, an ihm vorbei fliegende Körper wahrnehmen und doch
hatten sie keine feste Form. Vorsichtig zog er eine mittelgroße, silberne Axt
aus der Halterung an seinem Gürtel und umfasste deren Griff fest mit der linken
Hand. Zu einfach.
Und hätte jemand seine Gedanken lesen
können, nahmen die Geister plötzlich Gestalt an und fixierten ihn. Gellende,
hohe Schreie vermischten sich mit tiefem Gebrüll und Spike schluckte, während
er seine Beine etwas beugte und die Axt mit beiden Händen umfasste.
-
Er konnte nicht genau sagen wie viele
es waren, doch es mussten über
zwanzig sein. Es war eine Mischung aus Dämonen, Vampiren und allem anderen, was
die Hölle ausspucken konnte. Einige von ihnen kamen ihm bekannt vor, zumindest
erinnerte er sich an ihre Schwachpunkte. Bei allen anderen müsste er
improvisieren.
Der erste Schlag traf ihn hart und
überraschend. Er hatte den Angreifer nicht sehen können, da er plötzlich und
aus dem Nichts vor ihm auftauchte. Kurzzeitig strauchelte er, konnte dafür dem
nächsten Dämon sofort den Kopf abschlagen.
Nun rannten sie alle gleichzeitig auf
ihn zu und Spike schloss für einen Moment die Augen. Sein Daumen glitt über den
stählernen Griff der Axt und ruhte schließlich an dem Punkt, an dem die
Schneide begann. Eine kleine Hervorhebung war zu spüren und Spike lächelte, als
er sie drückte. Zwei sehr lange, hauchdünne Speere schossen blitzschnell von
beiden Seiten heraus und er drehte sich einmal hastig im Kreis, bevor er in die
Knie ging. Und er grinste als er aufsah und die durchtrennten Körper sah.
Erneut betätigte er den kleinen Knopf und stellte sich erneut auf. Zur Hölle,
manchmal liebte er die neue Technik.
Die Dämonen die er nicht erwischt
hatte, weil sie entweder zu klein waren oder zu schnell reagiert hatten,
blickten für einen Moment um sich und schrieen dann auf, bevor sie auf den
Vampir zu rannten. Spike wechselte die Hand und warf seine Axt direkt in den
Kopf des ersten Gegners.
Jedoch traf ihn der nächste dafür
umso schmerzvoller, da der Dämon seinen eigenen Rücken, der übersäht war mit
scherenartigen Klingen direkt in Spikes Bauch rammte.
„Verdammter Wichser.“ presste er
hervor und torkelte nach hinten. Er hörte ein dumpfes Geräusch, das wohl
bedeutete, dass er hingefallen war und lächelte bitter. Scheiße, er kannte
dieses Biest und wusste genau, dass mit ihm nicht zu scherzen war.
Der Dämon, ein kakerlakenartiges
Kriechtier, legte sich auf Spikes Beine und positionierte sein Maul direkt über
Spikes Gesicht. Dieser legte seine Hand blitzschnell auf den schuppigen Rücken
und zog mit aller Kraft an einem der scherenähnlichen Schneiden.
Glücklicherweise gab diese schnell nach und Spike rammte sie direkt in den Kopf
seines Gegners. Instinktiv rollte er sich zur Seite, damit er die Flut von
Schleim, die aus der Wunde trat nicht direkt abbekam.
Doch der nächste Angriff kam zu
schnell, als dass er die Axt aus dem toten Dämon hätte herausziehen können. Mit
der einen Hand umklammerte er den Kragen des Vampirs, der vor ihm stand, und
zog ihn näher zu sich, während seine Andere eine Klinge der Scheren in dessen
Mund rammte. Sie stieß gegen seine Schneidezähne und Spike drückte zusammen.
Es schnitt sich mit überraschender Leichtigkeit durch die Unterlippe des
Vampirs und trennte einen Teil von ihr ab. Der kleine Fetzen landete auf dem
kargen Boden und hinterließ einige Blutflecken. Während sein Gegenüber wie
paralysiert auf seine Lippe starrte, die auf den Untergrund lag wie eine tote
Schnecke, griff Spike erneut nach einem der unzähligen, riesigen Scheren im
Rücken des toten Dämons.
Doch der Vampir hob seine Arme um die Waffe abzuwehren und Spike lachte tonlos,
als sie die ersten drei Finger abtrennte, die mit einem leisen Geräusch auf den
Boden fielen. Spike grinste amüsiert, als er zu schreien anfing. Nein, er
wimmerte. Es klang wie das Winseln eines Hundes.
Letztendlich packte er die Schere mit beiden Händen, öffnete die Klingen und
zwängte den Hals des Vampirs zwischen sie. Er kniff beiden Augen zusammen, denn
die Schneide bohrte sich scharf in seine Hände, als er den Hals des Vampirs
durchtrennte. Er musterte das gequälte Gesicht des Vampirs, das sich langsam in
Staub auflöste und ihn selbst etwas aufhusten ließ. Dann öffnete er die Augen
und verstummte augenblicklich.
-
Durch den Staub sah er eine
Silhouette. Sie kam auf ihn zu. Er blinzelte einige Male, versuchte das Bild zu
schärfen, doch es änderte sich nicht. Grau in Grau. Die Gestalt wurde größer,
je näher sie kam. Wurde detaillierter. Die Haare fielen in Locken auf ihre
schmalen Schultern. Mit einem letzten Atemzug richtete er sich auf und sein
Kiefer zog sich fest zusammen, als er sie schließlich durch den Staub sehen
konnte.
Hilflos stand sie da. Sah auf die
vielen, toten Dämonen herab und ließ letztendlich ihre beiden Schwerter fallen.
Spike konnte aus der Ferne sehen, wie sie zur Salzsäule erstarrte und mit
leerem Blick den Boden fixierte. Sie war völlig regungslos, als würde sie auf
etwas warten, das ihr einen Grund gab sich zu bewegen.
Und als er bei ihr ankam, spürte er
sofort die Klinge an seinem Hals. Hastig sprang er einen Satz zurück, als sie
beinahe seine Kehle durchschnitten hätte. „Hey verdammt...“ röchelte er und tastete
dabei den leichten Schnitt entlang seines Halses ab. Dann sah er auf und
taumelte zurück, als sie das Schwert direkt wieder auf ihn nieder senkte.
Ihre Augen waren völlig weiß und
milchig. Kein Schimmer war darin zu sehen. Sie waren absolut trüb. Ein
ungläubiges Lächeln zierte seine Lippen, als sie die Schwerter fallen ließ und
stattdessen einen Pflock aus ihrer Jacke holte.
„Freut mich auch dich zu sehen,
Liebes.“ nickte Spike und sprang hastig zur Seite, als der Pfahl direkt auf
sein totes Herz zuflog. Keuchend setzte er sich auf und starrte sie ungläubig
an. So steif und unkoordiniert hatte er sie noch nie kämpfen sehen. Vielleicht
hatten ihr die vielen Jahre doch zu viel abverlangt.
Ein kräftiger Tritt, ebenso überraschend wie
unangenehm, belehrte ihn abrupt eines besseren. Fassungslos starrte Spike einen
Moment ins Leere, als sie ihn an der Hüfte packte und ihn schmerzhaft im hohen
Bogen auf den Rücken warf.
Mit kalter Mine trat sie an ihn heran, und er
ahnte dunkel, was folgen würde. Buffy packte ihn so fest am Kragen, dass er ein
tonloses Würgen nicht unterdrücken konnte, riss ihn mit geradezu erschreckender
Kraft wieder hoch und schlug ihm ihre Faust in den Magen. Spike taumelte zurück
und versuchte schützend die Hände vor den Körper zu bekommen, doch sie war
schneller. Er hatte ihre Bewegung nicht kommen sehen, alles was er spürte war
der Absatz ihres Schuhs in seiner Kniekehle bevor er zu Boden ging. Das war
wirklich übel. Es spielte keine Rolle wie gefühllos und mechanisch sie kämpfte.
Sie war schneller und stärker als alles was er je zuvor gesehen hatte.
Ein weiterer Schlag traf ihn, dann ein Tritt. Er wich ein Stück zurück. Genug.
Es wurde Zeit für den Gegenschlag. Als ihre Faust erneut auf ihn zugeflogen
kam, duckte er sich und der Schlag zischte knapp an seinem Kopf vorbei. Spike
wirbelte herum, schlug ihre Hand beiseite und wehrte einen heftigen Tritt gegen
sein Bein ab. Dann holte er aus, stoppte seine Bewegung plötzlich und
beobachtete ihre Reaktion. Ihre Hände flogen bereits in die Richtung seines
vermeintlichen Schlages und als sie merkte, was er vor hatte war es bereits zu
spät.
Sie war nur eine Sekunde lang abgelenkt, und
er brauchte nur eine Sekunde.
Ehe Buffy ihren Fehler erkannte, fegte er sie
mit einer Drehung von den Füßen, so dass sie auf dem Boden landete. Völlig entsetzt starrte sie in seine Augen, als er ihre
Handgelenke über ihren Kopf aufeinander drückte.
„Buffy, wach auf.“
Teil 5 – Erwachen
Er versuchte krampfhaft ihre, um sich
schlagenden Fäuste festzuhalten, als er sich hart auf sie presste, doch sie war
zu aufgewühlt und wehrte sich mit ihrer ganzen Kraft gegen ihn. Ihre Hände,
Ellebogen und Knie rammten sich gnadenlos in ihn und er keuchte gequält als sie
ihn mitten im Bauch traf.
„Zur Hölle Buffy, hör auf mit dem
Scheiß.“ brüllte er wütend und umklammerte ihre Handgelenke so fest er konnte,
dann warf er sich erneut auf sie und drückte sie mit seinem ganzen Gewicht auf
den Boden. Und er konnte sie schreien und gleichzeitig wimmern hören, als sie
langsam zur Ruhe kam. Und er wusste für sie brach eine Welt zusammen, als sie
ihren Tränen freien Lauf ließ und sich endlich an ihn lehnte.
Er starrte in ihr Gesicht und verlor
sich darin, als das milchige Weiß langsam aber sicher durchsichtig wurde und
zwei große grüne Augen ihn entsetzt ansahen.
„Schhh, es ist vorbei. Ich bin hier,
es ist vorbei.“ flüsterte er immer wieder an ihr Ohr, während er ihre Hände
losließ. Sogleich klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an ihn und Spike
verzog sein Gesicht leicht als er ihre brüchige Stimme hörte. „Ich will nicht,
dass es vorbei ist.“
Und als er seinen Kopf von ihrer
Schulter nahm, hielt er die Luft an. Die riesige Ebene, auf der sie sich noch
vor wenigen Sekunden befunden hatten, verblasste nach und nach und ließ nur
eine kleine, dunkle Plattform zurück in deren Mitte sie lagen.
Langsam sah er auf sie herab und auch
wenn er sich geschworen hatte, dass ihm das niemals und nie wieder passieren
würde... versank er in diesen tiefen, grünen Augen, die ihn so unendlich
verletzlich und traurig ansahen. Und er starrte auf ihr Gesicht und hasste sie
und sich selbst dafür, dass nun alles wieder in ihm hoch kam. Alle
Erinnerungen, alle Schmerzen, alles was ihn ein verdammtes halbes Jahrhundert
gekostet hatte um es los zu werden.
Um über sie hinwegzukommen.
Um wieder der zu werden der er mal
gewesen war und doch nie wieder sein konnte.
Denn sie sah noch genau so aus, wie
zu jener Zeit, als er sie geliebt hatte. Sie roch noch immer nach diesen
beschissenem Vanilleshampoo, das ihn um den Verstand gebracht hatte. Und er
konnte ihre kleinen Goldlocken durch den Staub schimmern sehen. Ganz deutlich.
Und je länger er sie betrachtete, desto schmerzlicher wurde ihm bewusst, dass
das dort wirklich seine Buffy war. Die gleiche Buffy, die ihn niemals hatte
töten können. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Und doch war er langsam
und schleichend in ihren Armen gestorben. Sie hatte ihn vergiftet. Ihn süchtig
gemacht. Und er hatte sich nicht wehren können. Nicht wehren wollen.
„Ich bin verliebt in dich.“ Vollkommener Ernst. Ein unbrechbarer Schwur, gleich einem
Fluch.
Ungläubigkeit.
Erdolchende Blicke. Bitterkeit in der Stimme.
„Du bist verliebt in den Schmerz.“
Und was war nun?
Nun lag sie einfach da... nach all den
Jahren... und war so schön wie noch nie zuvor. Obwohl ihr Gesicht und womöglich
auch ihr ganzer Körper von blauen Flecken und sonstigen Blessuren übersäht war,
strahlte sie innerlich. Das hatte sie in seinen Augen schon immer getan.
„Es war alles umsonst, oder?“ japste
sie panisch und rang nach Luft, während sie ihn völlig apathisch ansah. „Du
siehst so anders aus. Oh Gott, es ist alles schief gegangen.“ Einige Tränen
rannen aus ihren Augenwinkeln in ihre blonden Haare und sie verzog ihr Gesicht
bei diesem Gedanken.
„Ich wusste, dass es falsch lief.
Ich, ich wusste es. Aber ich konnte nichts machen. Ich…“ Und plötzlich wurden
ihre Augen noch größer und Spike konnte nur einen stumm geflüsterten Namen
vernehmen, als sie ihn gewaltsam von sich drückte. „Dawn.“
Er sah traurig zu, wie sie sich
selbst auf die Beine hievte und zum Rand der Plattform rannte. Er folgte ihrer
Bewegung und stützte sich auf seinen Armen ab um aufzustehen. Stumm beobachtete
wie sich ihr Körper versteifte, als sie hinab sah. Ihre Finger bohrten sich in
ihre Arme, als müsste sie ihren Körper davon abhalten in sich zusammenzufallen.
Und dann schrie sie.
Langsam stand er auf und ging zu ihr,
bis er letztendlich einige Meter hinter ihr innehielt und mit gequältem Blick
beobachtete, wie sie auf ihre Knie fiel und mit entsetztem Blick auf die
Geisterstadt hinab starrte.
Natürlich trauerte er selbst diesem
Ort keine einzige verfluchte Träne nach. Diese Stadt hatte ihn alles gekostet
was er einst gewesen war. Immer wieder war er zurückgekehrt und hatte alles
verloren, was er sich zuvor wieder aufgebaut hatte. Doch sie jetzt so zu sehen
brach ihm sein totes Herz.
Ganz langsam und behutsam kniete er
sich neben sie, um sie nicht zu erschrecken. Er berührte sie nicht, weil er
wusste, dass sie es nicht ertragen würde. Nicht jetzt. Aber er schenkte ihr die
Nähe, die sie brauchte um weiter atmen zu können, indem er in dieselbe Richtung
wie sie blickte und schwieg.
Wäre alles in seiner geordneten Bahn
gewesen, wäre er sich sicher, dass die Sonne bereits aufgegangen wäre, während
sie so da saßen. Es vergingen viele Momente, sicherlich einige Stunden, bis sie
ihn schließlich ansah. Ihr Mund öffnete sich einen Spalt und doch sagte sie
keinen Ton. Er lächelte einen Moment und erwiderte ihren Blick daraufhin
unbefangen.
„Willows Zauber ging schief.“ begann
er leise und doch sehr ruhig und ernst. Und er sah wie sie nickte und musterte
dabei ihre Daumen, die unruhig aneinander drückten.
„Anstatt nur dich und deine Kräfte
psychisch einzufrieren, fror er die ganze verdammte Stadt und alle ihre
Bewohner ein.“ fuhr er nach einigen Sekunden fort und räusperte sich etwas.
„Sie waren in Sunnydale gefangen,
Buffy. Die ganze Zeit.“ sagte er schließlich, obwohl er ihr diesen Teil der
Geschichte gerne erspart hätte.
„Man kann nicht jemanden einfach von
allen Regeln dieser Welt befreien ohne die Konsequenzen zu spüren. Das hätte
Willow inzwischen wissen müssen.“ er stoppte sich kurz und als Buffy keine
Zeichen machte, dass er aufhören sollte zu reden beschloss er für sich selbst,
dass sie das Recht hatte die ganze, verfluchte Horrorgeschichte zu hören.
„Ich hab’ Ruperts Tagebuch
durchgelesen und er schrieb, dass sich ein Schutzwall um die ganze Stadt gelegt
hat, als der Zauber wirksam wurde.“ erzählte er weiter. „Die Dämonenwelt
bemerkte das und schickte die ganze verdammte Höllenbrut durch Portale nach
Sunnydale.“
Zu seinem großen Erstaunen war auf
Buffys Gesicht keine Reaktion zu dieser Tatsache zu sehen. Kein Entsetzen, wie
er zuerst gedacht hatte. Keine Trauer, wegen des misslungenen Plans. Ihre Mimik
verriet schlichte Kälte.
Kaum merklich schüttelte er den Kopf
und suchte nach seinen Zigaretten. Keine drei Sekunden später entflammte das
Feuer seines Zippos und er zündete den Tabak schnell an. Für einen winzigen
Moment dachte er darüber nach ihr von Dawn und den anderen zu erzählen und er
wusste, dass nicht viel Zeit vergehen würde, bis sie sich überwinden würde, ihn
danach zu fragen. Aber noch nicht jetzt. Es genügte für den Augenblick.
"Komm schon, wir sollten hier
weg gehen." sagte er etwas lauter als zuvor und hielt ihr die Hand hin.
Und er sah sie verwundert an, als sie seiner Bitte langsam nachging und ihre
Finger mit seinen verhakte. Sie sah ihn für einen flüchtigen Sekundenbruchteil
an und stand gemeinsam mit ihm auf.
"Wohin?" krächzte sie sehr
leise und blickte ihn fragend an. Und Spike sah sich um und lächelte etwas
peinlich berührt, als er kopfschüttelnd auf den Boden sah. "Das ist eine
verflucht gute Frage, luv."
Und sein Herz machte im Geheimen
einen kleinen Hüpfer, als sie ebenfalls lächelte und ihre Hand seufzend auf
seine Wange legte.
"Danke, dass du zurück gekommen
bist." sagte sie schließlich und ließ ihren Daumen zärtlich über seine
kalte Haut wandern. Und Spike sah sie verwundert an, als sich ein kleines
Grinsen auf ihren Mund stahl und sie den Kopf schief legte.
"Aber die Haare..." sagte
sie mit einem Stirnrunzeln und ließ ihre Fingerspitzen wie selbstverständlich
durch seine Locken wandern. „Ich meine, schwarz?“ seufzte sie und beobachtete
zufrieden, wie schließlich auch er langsam zu grinsen begann.
"Platinblond ist Ende der
Dreißiger wieder in Mode gekommen. Du weißt ich hasse es mit dem Strom zu
schwimmen." er biss sich auf die Lippe und beobachtete die Wandlung in ihrem
Gesicht, als sie ihn verwundert ansah. "Dreißiger?" wisperte sie und
sah mit offenem Mund auf den Boden.
"Aber…" sie stoppte sich
selbst und legte ihre Hand mit einem Seufzen auf ihre Stirn. „Wie lange war ich
denn hier oben?“ fragte sie kaum hörbar und Spike sah, wie sie leicht zu
zittern begann.
Und Spikes Blick wanderte suchend
über die Stadt und zog kurz von seiner Zigarette. "Eine Weile."
antwortete er knapp und nahm sie wieder bei der Hand. "Wir sollten jetzt
wirklich gehen." mahnte er und sah sie eindringlich an. Und er verdrehte
seine blauen Augen, als sie seinem Blick begegnete und ihn stur anstarrte.
"Spike." sagte sie seinen
Namen ernst und sah keine Sekunde später wieder auf den Boden. "Wie
lange?" wollte sie erneut wissen und schüttelte leicht den Kopf.
"Monate?" flüsterte sie und als sie ihn wiederum musterte, wusste
sie, dass sie untertrieb. "Jahre." nickte sie, verzog ihr Gesicht und
verdeckte ihre Augen mit ihrer linken Hand.
"Fünfundvierzig Jahre, Vier
Monate, Zwanzig Tage." antwortete er ganz leise und zog sie unerlaubt noch
im nächsten Atemzug in seine Arme. Und er spürte, wie sie endgültig in sich
zusammenfiel und legte seine linke Hand haltend in ihren Rücken.
„Wieso bist du nicht früher
gekommen?“ wimmerte sie an seine Jacke und Spike spürte, wie sein Pullover
etwas nass wurde. Behutsam begann er über ihren Rücken zu streicheln und legte
sein Kinn etwas auf ihrem Kopf ab.
"Die Stadt war einfach weg,
Buffy. Als ob sie jemand wo anders hin gebracht hatte. Ich war selbst hier und…
Nichts. Kein Sunnydale." sagte er leise und ging mit seinem Oberkörper
etwas zurück. „Angel. Er hat jahrelang versucht herauszufinden was passiert
ist, aber durch den geöffneten Höllenschlund und alles was dadurch verändert
wurde war er quasi dauerbeschäftigt damit nicht alles den Bach runtergehen zu
lassen.“ Seine Hand legte sich in ihre Haare und er biss sich auf die
Unterlippe, als er eine ihrer Locken um seinen Zeigefinger wickelte. „Wir haben
erst vor einigen Monaten herausgefunden, dass die Stadt noch am selben Ort war,
aber immer noch im Jahre 2003. Und zwischen Dimensionen zu reisen ist
inzwischen in unserer Welt ein vergleichsweise kleiner Aufwand, Liebes.
Zumindest wenn man die richtigen Leute kennt.“
Etwas unbeholfen stellte sie sich vor
ihn und nickte schweigend. Dann sah sie sich um und drehte sich dabei einmal um
die eigene Achse, bis sie schließlich den Weg nach unten entdeckte. Ohne ein
Wort zu sagen ging sie darauf zu und warf nur einen kurzen Blick zurück. Spike
folgte ihr einige Sekunden später und lief etwas schneller, bis er sie
letztendlich eingeholt hatte.
Schritt für Schritt ging sie hinab
und lehnte sich dabei stark zurück, sodass sie nicht ausrutschen konnte. Und
sie lächelte flüchtig, als er seine Hände auf ihre Hüfte legte und ihr damit
ein Gegengewicht verschaffte.
„Nenn mich nicht Liebes.“ sagte sie nach einer Weile und ignorierte das leise
Lachen, das sie hinter sich hören konnte. Trotzdem legte sie ihre Hände auf
seine, damit sie sich besser abstützen konnte und war dankbar, als er sie
festhielt.
-
"Das sieht doch nett aus."
deutete Buffy schon zum vierten Mal verhalten auf eines der Häuser an denen sie
die letzten paar Stunden vorbeigelaufen waren. Doch auch dieses Mal schüttelte
Spike nur den Kopf und ging weiter gerade aus. Buffy seufzte leise und zog
etwas an, um mit ihm auf gleicher Höhe bleiben zu können.
"Was war denn an dem
auszusetzen, verdammt noch mal. Ich hab ein halbes Jahrzehnt nicht geschlafen.
Ich bin wirklich müde." jammerte sie forsch und war ehrlich überrascht,
als er sie mit hellgelben Augen wütend anblickte. So hatte er sie schon sehr
lange nicht mehr angesehen. Um ehrlich zu sein war sie sich sicher gewesen,
dass er sich das nicht trauen würde.
"Vertrau mir." sagte er
ruhig und schüttelte seinen Kopf, um wieder ruhiger zu werden. Die Furchen
lösten sich langsam aus seiner Stirn und er lockerte seine Hand mit einem
Knacksen. "Du willst da nicht rein." lächelte er bitter und ging dann
langsam weiter. Buffy warf einen kurzen Blick auf das Haus zurück und ging ihm
dann stumm hinterher.
"Erzähl mir, wie es in deiner
Welt jetzt ist." hörte er sie plötzlich sagen und blieb für einen
Augenblick stehen. Und er sah sie an, forschte in diesem Blick und wusste noch
im selben Augenblick, dass es nichts bringen würde, sich mit ihr darüber zu
streiten. Er lächelte sie kurz an, bevor er wieder gerade aus blickte.
"Was willst du denn wissen?" fragte er und vergrub seine beiden Hände
tief in den Hosentaschen.
"Hm. Haben Roboter die
Weltherrschaft an sich gerissen?" kicherte sie leise und lugte zu ihm auf.
Doch Spike schüttelte nur grinsend den Kopf und sah nachdenkend in den
schwarzen Himmel.
"Wo soll ich anfangen."
murmelte er und räusperte sich kurz, als er wieder zu ihr sah. "Die
Kurzversion?" fragte er vorsichtig, weil er wusste, dass das nicht leicht
für sie werden würde. Natürlich nickte sie... und er atmete kurz unbewusst ein,
bevor er in die rechte Straßenseite einbog.
"Vor etwa fünfundzwanzig Jahren
ist der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Die Weltwirtschaft war am Boden, keiner
hatte mehr Geld, alle waren verschuldet." erinnerte sich mit einem
verhaltenen Lächeln. "Das waren verflucht seltsame Jahre. Die Menschen
wussten nicht so recht, was sie von alle dem halten sollten. Manche gerieten in
Panik." er grinste, als er sich die Bilder noch einmal in den Kopf rief...
das waren vielleicht Zeiten gewesen.
"Die Bevölkerungsanzahl hat im
Verhältnis zu damals stark abgenommen. Es gibt noch vier bis fünf Milliarden
Menschen auf dem Planeten." erklärte er ernst und dachte noch einmal an
den Tag zurück, an dem sie angefangen hatten mit Bomben um sich zu werfen.
Er blieb stehen und sah sich kurz um,
ignorierte Buffys wartenden Blick und drehte sich einmal um. "Da könnten
wir rein, wenn du willst…" sagte er nach einigen Minuten und deutete auf
eines der Häuser. Die braune Holztüre wurde vom Mond beleuchtet und die kleinen
Fenster spiegelten das sanfte Licht wieder.
Buffy nickte ruhig und ging auf den
Eingang zu. Bevor sie die Türe öffnete blieb sie stehen und beobachtete wie
Spike ihr langsam folgte. Das Holztor knarrte leise, als sie aufging und Buffy
steckte ihren Kopf in den Innenraum um sich kurz umzusehen. Dann ging sie ganz
hinein und strich über die gelben Tasten des Klaviers, das gleich links neben
ihr stand. Einige Töne erklangen und sie seufzte lautlos als sie weiterging.
„Ich versuche wirklich das alles zu
verstehen.“ gestand sie und sah Spike traurig an. Dieser nickte nur schweigend
und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „Ich hatte es mir nicht so vorgestellt.“
antwortete er und ließ sich auf eine der vielen, großen Sofas fallen. Er sah
sie an und umfuhr ihr Profil mit sanften Blicken.
„Ich war neugierig, natürlich. Ich
hatte fast fünfzig Jahre Zeit mich mit Gedanken über dich in den Wahnsinn zu
treiben.“ lächelte er bitter und steckte sich die Zigarette zwischen die
Lippen, die er zuvor aus der Packung gezogen hatte. „Aber ich hätte nicht
gedacht, dass ich dich wieder sehen würde.“
Buffy lächelte geistesabwesend und
stellte sich vor ihn. „Du hast mir gefehlt.“ erwiderte sie mit einem leichten
Seufzen und legte sich nach einigen Minuten auf die Couch neben ihm.
„Ich bin so müde, Spike.“ nuschelte
sie schläfrig, als sie ihren Kopf auf die Armlehne legte und langsam die Augen
schloss.
„Gute Nacht, Buffy.“ sagte er leise
und streckte seinen Rücken durch, nachdem er seinen Kopf auf die hinteren,
großen Polster fallen ließ. Und er konnte kaum glauben, wie schnell der Schlaf
auch ihn einholte in dieser Nacht.
Teil 6 – Der Traum
„Nein!“ stieß sie aus und setzte sich
mit einem Ruck auf. Obwohl sie schreien wollte, war es mehr ein Flüstern
gewesen, das im Raum völlig untergegangen war. Ihr Blick viel sofort auf Spike,
der völlig in das Sofa gesunken war und... er sah beinahe friedlich aus, wie er
da lag.
Zaghaft begann sie zu lächeln, als
sie aufstand und sich vor ihn kniete. Sie strich durch sein seidiges, schwarzes
Haar, das im Dunkeln beinahe blau wirkte. Sanft zeichnete sie die Konturen
seines Gesichtes nach.
Sie wurde es einfach nicht müde ihn anzusehen und seinen Schlaf zu bewachen.
Sie bemerkte jedes Flackern seiner Lider, jede Bewegung seiner Hände… Welche
Träume sich wohl dahinter verbargen?
Sie konnte nicht schlafen, wollte es auch nicht mehr. Jetzt, wo sie ihn so da
liegen sah, wollte sie keine Sekunde dieser Nacht versäumen, weil sie zu schön
war und aus Angst, ihn am nächsten Tag nicht mehr vorzufinden. Sie lächelte.
Jetzt wusste sie endlich wie er sich jedes Mal, als sie gegangen war, gefühlt
haben musste.
Sie lehnte sich leicht gegen seine
Beine und sah sich im Raum etwas genauer um. Durch das Fenster strich der Wind,
wisperte mit dem fallenden Regen von der Vergangenheit, von ihren Träumen und
im fahlen Lichtschein der Nachttischlampe sah sie ihr krankes Gesicht im Wandspiegel.
Sie sah so kaputt aus... nicht nur müde und ausgelaugt. Sie konnte die
Schmerzen in ihren eigenen Augen sehen. Den Verlust um ihre Familie, ihre
Freunde der ihr langsam bewusst wurde obwohl Spike es nicht ausgesprochen
hatte.
Stumm drehte sie ihren Kopf etwas
nach links, um wieder in sein Gesicht sehen zu können. Und sie fühlte sich so
wohl, wie seit vielen Monaten nicht mehr. Wenn es so etwas wie den perfekten
Moment gab, so war sie sich sicher, dass er das gerade für sie war. Vorsichtig
rückte sie von ihm weg um ihn ganz anschauen zu können. Ganz langsam, weil sie
Angst hatte ihn zu wecken und diesen Moment zu zerstören.
Mit einem fast schon mütterlichen
Gefühl betrachtete sie ihn. Ihn, den Vampir der ihr eigentlich noch komplett
fremd, doch in dieser Nacht so nah, war. Sie sah seine helle Haut, seine
schmalen Lippen, seine Nase, die er alle paar Minuten zu rümpfen schien, und
die schwarzen verwuschelten Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht fielen und so
überhaupt nicht zu ihm passten.
Sie hatte vorgehabt diesen Rebell zu bändigen, doch hatte er die Spielregeln
umgedreht und sie stattdessen unbemerkt gezähmt. Die Jahre die zwischen seiner
und ihrer Welt lagen, spielten dabei keine Rolle. Sie hatte sich ihm
hingegeben, damals... und jetzt wo sie ihn so sah, fand sie diesen Gedanken
kaum mehr abwegig. Ließ sich in seine blauen, trügerischen Augen fallen.
Nun, im Schlaf, verließ ihn jegliche
Kantigkeit und Arroganz, und sein sowieso schon jung wirkendes Gesicht nahm im
Halbdunkeln fast schon kindliche Züge an. Kann ein Moment perfekt sein? Sie
dachte nicht an die Zukunft, an den Augenblick, wenn er wieder wach werden
würde. Eigentlich wollte sie nicht daran denken, was er sagen würde...
Wäre die Idee nicht zu absurd gewesen hätte sie ernsthaft mit dem Gedanken
gespielt, ihn schlafend zu fotografieren und ihn genau so für die Ewigkeit in
ihrem Gedächtnis zu behalten. Doch wollte sie auf keinen Fall den in der Luft
hängenden Zauber vertreiben. Nach einer Weile wusste sie nicht mehr, wie lang
sie schon wach war und ihn ansah. Wieso wurde es nicht hell?
„Das kann alles nicht real sein…“
flüsterte sie leise. Minute für Minute kroch immer mehr das Gefühl in ihr hoch,
dass das alles nur ein Traum war, und wenn es so war, so hatte sie nicht vor
jemals wieder aus diesem zu erwachen. Leise kroch sie an ihn heran, spürte
seinen leicht nach Zigaretten riechenden Atem, und schlang ihre Arme zaghaft um
ihn. Und in dem Moment, in dem sie ihn berührte, öffnete er seine Augen und sah
sie verschlafen an.
„Das ist ein Traum.“ sagt sie
unsicher zu ihm.
„Ist es...“ aber sie unterbrach sich,
wollte nicht wissen, ob das hier alles echt war oder nicht. Denn wenn es echt
wäre, dann würde sie niemals das über die Lippen bringen, was sie ihm so
vielleicht sagen könnte.
Und so lag sie einfach nur da, sah zu den Sternen am Himmel, die schon beinahe
kitschig auf sie herabfunkelten. „Ich muss dir etwas sagen...“ begann sie.
„Etwas, das ich normalerweise nie…“ sie stockte, die Angst, etwas falsch zu
machen, ihn zu verärgern, versiegelt ihre Lippen. Doch er lächelt nur. „Ich
dachte das wäre nur ein Traum.“ sagte er „Jedenfalls wäre dann alles einfacher.
Wenn nichts davon real ist, dann sind nur wir beide hier.“ Niemand sonst.
„Nur wir beide. Nur ein Traum.“ sagte sie ganz
leise zu sich selbst und barg ihre Stirn an seinem Hals. Ja... es waren nur sie
beide und eine Unzahl von Möglichkeiten. Ihre Lippen striffen seine Wange wie
ein Hauch und auf einmal überkam sie eine unglaubliche Wärme. Nur ein Traum.
„Ich kann dich nicht lieben. Ich bin
einfach schwach und egoistisch.“
„Ich werd mich nicht beschweren.“
Ungläubige, blaue Augen.
„Und es bringt mich um. Ich muss jetzt
stark sein. Es tut mir leid, William.“
„Ich liebe dich.“ flüstert sie und hörte wie
er die Luft scharf zwischen seinen Zähnen einzog. Sein Körper versteifte sich
und er hörte auf zu atmen.
„Definitiv ein Traum“, stimmte er nach einigen
Minuten kaum hörbar zu und berührt mit den Lippen ihre Wange. Vorsichtig legte
er eine Hand auf ihre Hüfte und zog sie etwas zu sich. Und sie klammerte sich
an ihn, als müsste sie ertrinken, wenn sie ihn losließe, oder schlimmer noch,
als könnte sie erwachen.
„Nur ein Traum.“ flüsterte sie, bevor
sich ihre Lippen fanden. Nicht real, dachte sie, als sie sich zuerst zaghaft,
dann immer heftiger küssten. Wäre sie wach, ihr Herz würde unter den Zweifeln
zerbersten. Seine Hände waren auf ihrer Haut, in ihrem Haar und die Berührung
brach eine Barriere in ihr, von der sie gar nichts gewusst hatte.
Sanft kitzelnd, leise pulsierend
drang seine Zunge immer wieder, an ihren Lippen vorbei, in ihren Mund. Ein
warmer Hauch strich über ihre Haut. Es duftete süßlich und angenehm, verteilte
sich über ihrem ganzen Körper. Schwerelos schien er auf ihrer Haut zu tanzen
und tauchte schier unmerklich ein. Sie konnte jedes einzelne Haar auf ihrer
Haut fühlen. Spürte, wie sich eines nach dem anderen aufstellte.
Aber ihr war nicht kalt, stattdessen
spürte sie wie ihr ganzer Körper zu atmen begann. Es füllte sie vollkommen aus.
Über ihre Brust zu ihrem Hals. Wie zwei unsichtbare Hände strich es über ihre
Schultern und glitt ihre Wirbelsäule herab. Unmerklich begann sie zu zittern
und seufzte leise an seine Haut.
Forschend begann er ihren Rücken zu streicheln und erfüllte ihr Becken mit
einer heißkalten Vorfreude. Ihre Beine wurden schwerer und schwerer. Er schien
sie tief unter der Haut zu berühren und trieb ein wüstes Spiel auf jedem
einzelnen Knochen. Es war als würden seidige Nadeln von innen und außen auf
ihrer Haut liegen.
Es war alles so ungreifbar,
unbegreiflich für sie in einer Welt, die ihr von einer Sekunde auf die andere
völlig fremd geworden war.
Plötzlich stoppte er und Buffy sah
ihn aus verschleierten Augen seltsam verwundert an.
„Du spielst mit dem Feuer, Buffy.“
schluckte er und legte seine Stirn träge auf ihre. Das leichte Kopfschütteln,
das er als Antwort bekam, verwirrte ihn und machte ihn gleichzeitig immer
wütender.
„Keine Spiele.“ flüsterte sie mit
flachem Atem an seine Lippen und sah ihn mit diesen großen, smaragdgrünen Augen
flehend an. „Ich bin dieses Spiel so leid, Spike. Wenn nur wir beide hier sind,
dann gibt es keine Geheimnisse, keine Lügen. Nur dich und mich.“ wimmerte sie
und vergrub ihre Hände tief in seinen Haaren. Schnell zog sie ihn wieder zu sich
herab und küsste ihn forsch.
Seine Hände wanderten langsam ihren
Oberkörper herab und er verdrängte die Erinnerung daran, wandte sich
stattdessen der Realität zu. Auch wenn es selbst für ihn mehr ein Traum war.
Der Traum, an dem er schon seit vielen Jahren festhielt. Für den er weiter
gemacht hatte, als es aussichtslos war. Für den er bereit war zu sterben -
seine Existenz zu beenden. Sei es auch nur für eine einzige, verfluchte Nacht
mit ihr.
Er spürte, wie ihre Hände sich langsam
von seinem Rücken lösten und stattdessen seine Seite hinab wanderten. Ihre
plötzliche Leidenschaft überraschte ihn. Denn auch wenn die Vorstellung
tröstlich war, wusste er, dass dies kein Traum sein konnte und das Erwachen sie
bald einholen würde.
Doch, zur Hölle, was kümmerte ihn
morgen.
Besitzergreifend ließ er seine Hände
über ihren Oberkörper wandern, umrandete für wenige Augenblicke die Form ihrer
Brüste und stoppte letztendlich an dem unteren Ende des Reißverschlusses ihrer
blauen Strickjacke. Bevor er sie jedoch öffnete, unterbrach er den harten Kuss,
um sie unvermittelt und direkt ansehen zu können.
Er wollte etwas sagen, doch noch
bevor er seinen Mund öffnen konnte, spürte er, wie sie ihre Hände auf seine
legte und den Reißverschluss blitzschnell aufzog.
„Verdammt Buffy, ich liebe dich so
sehr.“ fluchte er tonlos, als ihr blasser, schlanker Bauch zum Vorschein kam.
Der Duft ihrer Haut stieg in seine Nase und er sog ihn tief ein, als er seinen
Kopf nach unten neigte, um leichte Küsse auf ihrer Bauchdecke zu verteilen.
Er hörte sie leise seufzen und
schloss flehend seine Augen, bittend, dass es kein Traum sei, obwohl dann alles
komplizierter werden würde. Damit könnte er umgehen, aber nie und nimmer mit
der Erkenntnis, dass das hier nicht real war.
Er konnte ihre schmalen Hände an der
Unterseite seines Bauches fühlen und schaffte ihr etwas Platz, damit sie den
Pullover nach oben schieben konnte. Dabei betrachtete er jede noch so
unscheinbare Bewegung von ihr und er konnte kaum glauben welche Gefühle dabei,
so deutlich... so offensichtlich durch ihre Augen blitzten.
Sie lächelte ihn an und überließ das
Kleidungsstück der Schwerkraft, als er seinen Mund wieder auf ihren legte.
Sie küssten sich so tief und innig,
dass die Zeit stillstand. Ihre Zunge streichelte die seine, ihre Lippen
liebkosten seinen Mund. Und Spike spürte in dieser Sekunde so stark wie noch
nie zuvor, dass das Gefühl für diese Frau so tief und rein war, wie es nur in
der fiktiven Welt eines Träumers sein konnte. Nichts störte, kein Gefühl des
Hasses, kein vorhergegangener Streit. Es war die perfekte Symbiose zweier
Menschen. Es war wie er es sich immer vorgestellt hatte. Es war, ....es musste
ein Traum sein.
Er streichelte und küsste ihre Brüste
und sein kalter Atem brachte ihre Haut dabei zum glühen. er spürte ihre Halsschlagader immer schneller
pulsieren, im Einklang mit den Schlägen ihres Herzens. Zaghaft begann er an
ihrem Ohr zu knabbern und er lachte kurz ungläubig auf, als sie dasselbe bei
ihm tat.
Und Buffy wusste kaum mehr wann es
geschehen war, doch als sie seine eiskalte Haut auf ihrer spürte, wusste sie,
dass sie beide bereits nackt waren. Hatte er sie und sich selbst so schnell, so
unbemerkt ausgezogen? Mit einem kurzen Kopfschütteln vertrieb sie ihren Gedanken
und während sie sich herumrollte küsste sie ihn zaghaft auf die Stirn, auf die
Nasenspitze, bis sie schließlich erneut seinen Mund fand.
Stockend legte sie sich auf ihn, ließ
ihre Zunge leidenschaftlich über seine Brust, bis zu seinem Bauch schleichen.
Ihre Hände fuhren wieder hoch, bis sie seine breiten Schultern erreichte und
ihr Kopf folgte sogleich. Tief einatmend legte sie ihre Stirn auf seine und es
überwältigte sie, wie tief sie in ihn einsinken konnte mit einem einzigen
Blick.
„Lass mich nicht gehen, lass mich
nicht aufwachen.“ seufzte sie, als sie sich mit einem kehligen Stöhnen auf ihn
herabließ und den letzten Abstand zwischen ihnen zerstörte. Mit geöffneten
Lippen starrte sie in seine Augen und wagte es sich nicht zu bewegen. Die
Gefühle die über sie hereinbrachen waren zu intensiv, zu stark um klar denken
zu können. Die Kälte, die sie von innen ausfüllte ließ ihren eigenen Körper in
Flammen aufgehen und sie atmete mit einem lauten Keuchen aus, als er sich noch
ein wenig weiter in sie schob.
„Gott, Buffy…“ Seine Augen waren
geschlossen und er senkte seinen Kopf ein wenig, während seine Hände kaum
spürbar über ihre Haut wanderten. „So verdammt heiß.“
Ihre Handflächen stützten sich links und
rechts neben seinem Kopf ab, als sie begann sich mit gefühlvollen Bewegungen
auf ihm zu bewegen. Und sie ließ ihren Atem stoßweise über ihre Lippen treten
und lächelte, nachdem er letztendlich seine Hände um ihre Hüfte gelegt hatte.
Plötzlich hörte sie auf und sah ihn
aufmerksam an. Er sah sie verwundert an und setzte sich langsam auf. Im
gleichen Moment legte sie ihren Kopf auf seine Brust und begann mit ihrem
linken Zeigefinger kleine Kreise auf seine Brust zu malen.
Minutenlang saßen sie so da, ohne ein
Wort zu sprechen. Ihre Nähe, ihre Kraft und ihre Wärme ließen seine Zweifel
langsam verschwinden. Für den Bruchteil einer Sekunde teilten sie einen
langsamen Kuss, bevor er eine Hand unter ihren Hintern legte und schließlich
begann seinen Körper erneut zu bewegen.
Und er lächelte schließlich, als er
ihrem Blick begegnete. Das hier war anders als alles was sie sonst miteinander
geteilt hatten. Kein verbissenes Ficken, dem Orgasmus entgegen... kein
krampfhaftes Rein und Raus. Sie erlaubte ihm sie zu lieben. Ließ ihm die
Kontrolle und gab sich hin. Zum ersten Mal.
Langsam hob und senkte sie ihr Becken, ohne den Augenkontakt zu
unterbrechen. Er kam ihr entgegen, stützte seine Hände in ihre Hüfte und legte
seine Stirn gegen ihre. Seine Fingerspitzen griffen in ihre Haut und er schloss
zitternd seine Augen um das Tempo beibehalten zu können.
Doch dann hörte er sie gegen sein Ohr wimmern und ein
unkontrolliertes Knurren entwich seiner Kehle. Mit einer schnellen Bewegung
drehte er sie beide herum, legte sie auf den Rücken und begann mit schnellen,
regelmäßigen Stößen in sie einzudringen.
Mit einem kleinen Aufschrei drückte Buffy ihre Oberschenkel gegen
seine Hüfte und ihre linke Hand wühlte sich in seine schwarzen Locken. Ihre
Finger zogen sich durch seine Haarsträhnen und als er ihr linkes Bein etwas
anhob, um noch tiefer in sie einzudringen, zog sie die Haare mit einem Stöhnen
zurück. Er keuchte leise unter dem flüchtigen Schmerz, riss seinen Kopf zurück
und suchte ihren Blick. Und als er das pure Verlangen in ihren Augen sah war er
endgültig verloren.
Er versenkte sich so tief und schnell wie er konnte in ihr und
bekam nur teilweise mit wie ihre Nägel sich in seinen Rücken krallten. Entfernt
glaubte er seinen Namen zu hören und ihm wurde der eiserne Griff um ihre Hüften
bewusst, weshalb er seine Finger in die Sofalehne rammte und sich daran
festhielt.
„Komm für mich...“ raunte er gegen ihre Lippen und seine freie
Hand wanderte zwischen ihre Schenkel als er seine Zunge in ihren Mund bohrte.
Er zog ihre Unterlippe zärtlich zwischen seine Lippen und strich mit seinem
Daumen dabei einige Male über ihre Mitte. Mit einem letzten tiefen Stöhnen
drückte sie ihre Beine gegen seine Taille und bog ihm ihren Körper entgegen.
Seine Finger bohrten sich in den braunen Bezug der Couch, als
seine Pupillen ein wenig nach hinten rollten, er ihren Namen wie ein Gebet
ausstieß und sich schließlich in ihr ergoss.
Schweißgebadet und stöhnend sackte
sie in sich zusammen. Ein angenehmes aber beängstigendes Gefühl der Ohnmacht
überkam sie. Erschöpft schloss sie die Augen. Bilder schossen an ihr vorbei,
schrille Farben und Lichter, Geräusche und Gefühle.
Er zog sich mit einem Seufzen aus ihr zurück und ließ ihre Beine
auf das Sofa zurückfallen. Tränen hingen an ihren Wimpern als sie ihn ansah. Er
stützte sich gegen die Armlehne, seine Lungen zogen heftig unnötigen Atem ein,
seine Stirn an ihre gepresst. Sie war gefangen von seinen blauen Augen, die sie
festhielten, normalerweise fragend, besorgt doch jetzt ausgelaugt und müde.
Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, lächelte unschuldig und
liebkoste seine Wangen. Seufzend legte er seinen Kopf schief, sah sie jedoch
weiterhin an und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Du weißt, ich
brauche dich zu sehr um dich gehen zu lassen. Noch immer.“ sagte er
schließlich, seufzte und verlor sich weiter in ihren Augen. „Selbst wenn es nur
aus diesem Traum ist.“
„Du weißt, dass das kein Traum ist.“ flüsterte sie gegen seine
Lippen und ließ ihren Kopf schließlich auf seiner Schulter zur Ruhe kommen. Sie
konnte spüren wie sich ein Lächeln auf seinen Lippen bildete und atmete tief
ein. Sie wusste dass ihm dieser Gedanke gefiel. „Alles was damals passiert ist
zwischen uns. Es tut mir leid.“
„Es spielt keine Rolle mehr was damals war. Du weißt, dass ich
dich liebe.“ antwortete er leise und strich ihr mit der rechten Hand durch die
Haare. Zitternd ließ sie sich ein wenig zurück fallen und blickte ihn an, ihr
Gesicht verzerrt.
„Spike, ich weiß nicht mehr wer ich bin.“ Sie starrte ihn an,
hilflos über den Gedanken, dass sie alles war was von ihrer Welt übrig
geblieben war, schweigend über ihre fremden Gedanken und hoffnungslos in ihn
verloren.
Teil 7 - Schmerz
Zärtlich ließ sie
ihre Finger über die glatte Haut seines Unterarms streifen und ein kleines
Lächeln kreuzte ihre Lippen, als sie die Augen öffnete. Fasziniert hob sie
ihren Kopf und stützte ihn mit ihrer Hand um ihn besser ansehen zu können.
Es war das erste Mal überhaupt, dass sie neben
ihm aufwachte. Sie konnte ihr eigenes Herz in ihren Ohren pochen hören und
legte ihre Wange seufzend auf seine Brust. Ihr Atem strich warm über seine
Haut. Sie beobachtete ihn still und fuhr sanft mit ihrer rechten Hand durch
sein schwarzes Haar. Er wirkte so friedlich in seinem Schlaf. Glücklich. Ihre
Augen folgten seinen makellosen Linien, von seinem Gesicht über seine Brust bis
zu dem Arm, den er um sie geschlungen hatte.
Zärtlich ließ sie ihre
Finger über seine Wange gleiten, als sie kurz die Augen schloss, sich zu ihm
vorbeugte und ihn ein letztes Mal sanft auf den Mund küsste. Seufzend befreite
sie sich aus seiner Umarmung und stieg aus dem Bett. Sie erzitterte, als ihr
nackter Fuß den kalten Steinboden berührte. Langsam griff sie nach der
Strickjacke, die neben dem Sofa auf dem Boden lag und zog sie sich über den
Kopf.
Mit kleinen
Schritten ging sie auf den Durchgang in der Wand zu, der zum nächsten Raum
führte. Während sie ihren Kopf einmal im Nacken kreisen ließ strich sie sich
die Haare glatt und sah sich in der Küche um. Die Küchenplatten waren mit einer
dicken Staubschicht benetzt und die Schubladen und Schränke standen alle weit
offen und waren völlig leer.
Ihre Augenbrauen
zogen sich ein wenig zusammen bevor sie langsam auf das große Fenster in der
hinteren Ecke des Raumes zuging. Sie ignorierte das leise Knarren und
Quietschen, als sie es öffnete und schloss für einen Moment die Augen, um die
kalte Nachtluft genießen zu können. Ruhig lehnte sie sich gegen den Rahmen als sie
schließlich aus dem Fenster sah, das den Blick auf einen kahlen Hinterhof frei
gab.
Sie nahm einen
tiefen Atemzug und legte ihren Kopf etwas schief, während sie ihre Arme vor der
Brust verschränkte und den Blick traurig senkte.
Sie war sich ganz
sicher sie hatte viele Stunden geschlafen, ihr Körper fühlte sich steif und
träge an. Und doch war es immer noch dunkelste Nacht. Der Himmel war
pechschwarz, kein Stern war zu sehen, keine einzige Farbnuance die auf einen
baldigen Sonnenaufgang hindeuten würde. Sie lehnte sich noch ein Stück weiter
vor und streckte ihren Kopf aus dem Fenster. Obwohl es ziemlich kalt war
herrschte völlige Windstille. Sie spürte keinen Luftzug. Absolut nichts.
Ihre Gedanken
sprangen hin und her, unkontrolliert, durcheinander und sie legte stöhnend ihre
Hände auf ihr Gesicht. Sie hatte noch immer den Duft seines Körpers in ihrer
Nase und den Geschmack seiner Zunge in ihrem Mund. Unbewusst leckte sie sich
über die Lippen während ihre Finger sich in ihren Nacken legten und die Haut
dort mit Nachdruck etwas zusammen zogen.
Seufzend lehnte sie sich zur Seite und presste ihre Stirn gegen
das kalte Glas der Fensterscheibe, das durch ihren Atem ein wenig beschlug. Sie
lächelte leicht und hob die Stirn von der Scheibe, auf der ein trüber Fleck
zurückblieb. Sie konnte nur ihre eigene Reflektion sehen, matt und ausgelaugt,
doch sie wusste dass er hinter ihr stand. Die Kälte seiner Haut und sein Duft
verrieten ihn.
„Es ist immer noch dunkel.“ flüsterte sie und hielt ihren Blick
gerade aus als sie zum ersten Mal eine Bewegung von ihm hörte. „Ich meine, wenn
du diesen Bann gelöst hast indem du mich berührt hast, müsste dann nicht
bereits die Sonne scheinen?“ Ihre Stimme brach bei den letzten Worten, als sie
seine Hände um ihre Hüfte spüren konnte. Mit einem Lächeln legte sie ihren Kopf
auf seine Brust und umfasste seine Finger mit ihrer eigenen Hand.
„Ich schätze schon.“ antwortete er nach einigen Minuten und legte
sein Kinn auf ihren Kopf. Sein Daumen strich über ihren Handrücken und er
verstärkte seinen Halt um ihre Taille. Nach einigen Minuten konnte sie hören
wie er sich eine Zigarette ansteckte, sie anzündete und einen tiefen Zug davon
nahm. Dann verstummte er wieder und Buffy war sich sicher er verschwieg ihr
etwas. Langsam öffnete sie den Mund und neigte ihr Gesicht etwas zur Seite.
Seine Augen waren geschlossen und eine Falte lag zwischen seinen Brauen. Sie
standen eine ganze Weile so da, bis Spike die Zigarette mit einem Seufzen in
die metallene Spüle schnippte und sie, an die Theke lehnend, ansah.
„Vielleicht sollten wir noch einmal in deinem Haus nachsehen,
Buffy. Ich hab’ Ruperts Buch nur kurz gelesen.“ murmelte er und sein Ton war
mit einer Bitterkeit belegt die keinen Zweifel daran ließ, dass er gerade
lieber alles andere machen würde als zurück in ihr Haus zu gehen. Als sie sich
mit einem Nicken herumdrehte um wieder zurück ins Wohnzimmer zu laufen, hielt
sie eine weiße Hand am Armgelenk fest.
Sein Blick durchbohrte sie, nachdem sie sich wieder zu ihm
gewendet hatte und sie legte fragend ihren Kopf schief. „Egal was wir dort
finden – wir werden hier zusammen weg gehen, richtig?“ Seine Frage klang eher
wie ein Befehl und Buffy lächelte matt als sie ihre freie Hand auf sein Gesicht
legte. Ihre Finger strichen seine markanten Wangenknochen entlang und sie
seufzte ein wenig als sie mit ihren Nägeln die Haut unter seinen nun schwarzen
Haaren kraulte. „Hab ich dir je gesagt wie sehr ich deine blonden Haare gemocht
habe?“ ihre Mundwinkel zogen sich unbewusst nach oben und sie Biss sich auf die
Unterlippe um nicht Kichern zu müssen.
Er ließ ihre andere Hand mit einem abwertenden Blick frei und ging
einen Schritt auf sie zu „Buffy, bitte.“ „Wir wissen nicht einmal ob ich hier
überhaupt heraus kann, Spike.“ Ihre
Augen lagen fest auf seinen und sie lehnte sich ihm entgegen, die Lippen nur
wenige Zentimeter vor seinem Mund.
„Ich meine, wenn wir in einer anderen Dimension sind in der es
niemals Tag wird und keiner aus dieser Stadt hinaus kann, was passiert dann
wenn der Bann gebrochen ist? Plumpst die Stadt dann in eine
‚Zwischendimensions-Welt’ oder sind wir in deiner Zeit?“ er öffnete die Lippen
um etwas zu sagen aber sie legte ihren linken Zeigefinger darauf und sah ihn
traurig an. „Außerdem…“ ihre Stimme brach als sie sah wie seine eisblauen Augen
glasig wurden und spürte wie ihr Kinn leicht zitterte. „Willow hat den Zauber
auf mich gelegt und ich denke –“
„Nein.“ unterbrach er sie, nachdem er ihre Hand schnell von seinem
Mund gelöst hatte. Sein Blick wurde wieder fest, fast wütend und er packte sie
an den Schultern. „Nein!“ Er schüttelte sie einmal ohne viel Nachdruck und
legte seine Stirn schließlich auf ihre. „Wir finden einen Weg.“ sagte er und
sie war sich nicht mehr sicher ob er noch mit ihr redete, doch dann sah er sie
wieder an und sein Blick war wieder freundlich. „Buffy ich kann dich nicht
wieder verlieren, nicht nachdem...“ er unterbrach sich selbst und atmete tief
ein während seine Hände von ihren Schultern über ihre Oberarme bis zu ihrer
Hüfte hinunter striffen. „Ich weiß.“ flüsterte sie und legte ihre Hände auf
seine nackte Brust. Für einige Sekunden streichelte sie seine weiche Haut und
verlor sich in dem marmorfarbenen Weiß seines Oberkörpers. „Lass uns gehen.“
flüsterte sie und löste sich langsam aus seiner Umarmung. Sein Blick ruhte noch
kurz auf ihr, zweifelnd, forschend, bevor er stumm nickte und ihr ins
Wohnzimmer folgte. Suchend blickte sie sich in dem dunklen Raum um und stützte
seufzend ihre Hände in ihre Hüfte.
„Liebes?“ Sie drehte sich um und musterte sein deutliches Grinsen,
als er etwas hinter seinem Rücken hervor holte.
„Suchst du den?“ er lachte leise, als sie errötete und auf ihn
zulief. Schnell nahm sie ihn den Slip aus den Händen und schüttelte lächelnd
den Kopf, während sie ihn anzog. „Hatten wir das nicht schon einmal?“ fragte
sie und konnte ein kleines Kichern nicht unterdrücken, als sie ihn sanft in die
Seite boxte.
„Nur wenn du mir jetzt die Nase blutig schlägst, schätze ich.“ zuckte er mit
den Schultern und blickte amüsiert auf als er ihren panischen Blick sah.
„Ich würde nie…“ sie unterbrach sich und stellte sich vor ihm auf. „Nicht mehr.
Es tut mir leid.“ seufzte sie und strich sich die Haare nach hinten aus dem
Gesicht. Sie bewegte sich nicht während er sein T-Shirt und schließlich seine
Jacke anzog. Er griff in seine Jackentasche und steckte sich eine weitere
Zigarette an. Dann blickte er wieder auf sie und er lächelte schief als er mit
dem silbernen Zippo auf sie deutete. „Ich will nicht sagen dass ich es nicht
schätzen würde dich so zu sehen, aber es ist doch ziemlich kalt draußen,
Liebes.“ gluckste und lachte schließlich leise als sie an ihren nackten Beinen
heruntersah.
Mit einem Kopfschütteln griff sie nach ihren Socken, zog sie an und schlüpfte
schließlich in ihre Jeans. Während sie sie zuknöpfte sah sie wieder zu ihm auf
und legte den Kopf schief. „Was ist mit deinem Mantel passiert?“ wollte sie
wissen, vielmehr aus dem Drang irgendwas zu sagen, als aus Neugierde.
Spike lächelte kurz und kratzte sich dabei am Kopf, als er sich etwas beschämt
zu ihr herumdrehte. „Hat mir ne Jägerin zerrissen vor ungefähr achtzehn
Jahren.“ schnaubte er und zuckte kurz mit den Schultern, als Buffy ihn
verwundert ansah. „Es war ein… Missverständnis, schätze ich. Hab’ versucht die
Kleine zu überzeugen, dass ich, naja, keine Menschen beiße.“ Er lächelte etwas
und fuhr sich durch die Haare. „Als sie ihn mit ihrer verfluchten Axt erwischt
hat, hab ich sie K.O. geschlagen.“ ein missbilligendes Schnaufen kam über seine
Lippen, während er mit der linken Hand an der kurzen Jacke herumnestelte.
„Miststück.“
Als er ihren
amüsierten Blick sah schob er seine Unterlippe trotzig nach vorne und lehnte sich
gegen die Wand neben der Haustüre. „Hey, das mit mir und dem Mantel war wahre
Liebe.“ Er beobachtete kritisch wie sie mit einem leisen Lachen auf ihn zulief
aber lächelte schließlich selber etwas, als sie seine Hand umfasste und ihre
Finger mit seinen verhakte. „Kann ich verstehen.“ Ihr Lachen erstarb beim
letzten Wort und sie vergrub ihre Stirn in seiner Halsbeuge als sie sich
behutsam an ihn schmiegte.
Ihr Daumen strich
über seinen Handrücken und sie lugte an ihren Körpern herunter und ihr Blick
haftete auf ihren beiden Händen. In diesem Moment war sie beinahe so blass wie
er, die Dunkelheit hatte sie gezeichnet und sie zu einer anderen Frau gemacht.
Zu einer Frau, von der sie nicht mehr sicher war, ob sie sie noch kannte.
Seine Hand lag
fest in ihrem Rücken, strich ihre Wirbelsäule beruhigend auf und ab und sie
spürte an ihrer Schläfe wie seine Stirn sich nachdenklich in Falten legte. Nach
einigen Minuten löste sie sich mit einem Räuspern von ihm und schenkte ihm ein
mattes Lächeln, bevor sie den Türgriff nach unten drückte und hinaus auf den
Gehweg lief.
-
Sie liefen
schweigend nebeneinander her. Spike hatte seine Hände tief in seinen
Jackentaschen vergraben und als sie hier und da einen Blick zu ihm hinüber warf
starrte er auf seine schwarzen Stiefel. Mit einem tiefen Seufzen verschränkte
sie ihre Arme vor der Brust und wandte ihre Aufmerksamkeit auf die Häuser zu
ihrer Seite. Die grünen Vorgärten waren zu einer braunen Erdmasse verkommen,
die Äste von den Bäumen lagen auf dem trockenen Untergrund und ließen nur noch
hohle Stämme zurück. Die Häuserfassaden waren rissig und rußbedeckt, als ob die
ganze Stadt davon eingenebelt gewesen war. Fenster waren eingeschlagen und in
den Dächern klafften große Löcher.
Nur vage konnte
sie vermuten was hier passiert war als sie dort oben gekämpft hatte. Sie wusste
nicht, wieso es scheinbar absolut nichts gebracht hatte dass sie an der Pforte
des Höllenschlundes gewacht hatte. Es war völlig umsonst gewesen, völlig
nutzlos.
Als sie wieder
aufblickte, merkte sie dass sie einige Meter zurück gefallen war und lief ihm
mit schnellen Schritten nach. Er stand mitten auf der Straße, als sie ihn
einholte. Und sie brachte nur ein zittriges „Was ist denn?“ über die Lippen,
als er sie mit diesem bedeutsamen Blick überfiel. Er nahm einen tiefen Zug von
seiner Zigarette bevor er sie auf den Boden warf und die Glut mit seinem Schuh
austrat.
Ohne ein Wort zu
sagen deutete er mit seiner rechten Hand auf etwas neben sich und Buffy folgte
seinem Blick nach einigen Sekunden. Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie
bereits an ihrem Haus angekommen waren und ihre Augen wurden groß, als sie auf
die geschwärzten Wände und zerbrochenen Balken starrte.
Es kam ihr vor
wie gestern, als sie zusammen mit Willow und Giles aus dieser Haustür gegangen
war. Sie hatte Dawn noch nicht einmal richtig Lebwohl gesagt, ein flüchtiges
Winken war ihr einziger Abschied an ihre Schwester gewesen. Sie war sich so
sicher gewesen, dass sie sie wieder sehen würde. Dass alles gut gehen würde –
so wie immer.
Ein seltsames
Geräusch durchschnitt die Stille und Buffy blickte verwundert um sich. Spike
stand vor ihr, völlig bewegungslos und sah sie einfach nur an. Verwirrt drehte
sie sich einmal um die eigene Achse bevor sie schließlich wieder seinem Blick
begegnete. Er sah traurig aus, fast ein wenig gequält und sie wunderte sich
warum er sie plötzlich auf diese Art und Weise anstarrte. Doch als er seine
Hand nach ihr ausstreckte, seinen linken Zeigefinger auf ihre Wange legte und
vorsichtig einige Tränen wegwischte bemerkte sie es.
Das fremde
Geräusch kam von ihr selbst und plötzlich spürte sie, dass sie am ganzen Leib
zitterte. Ihre Arme verschränkten sich krampfhaft um ihren Oberkörper und sie
sah ihn panisch an, weil sie die Kontrolle über ihren eigenen Körper komplett
verloren hatte und absolut nicht wusste wie sich beruhigen sollte. Seine Finger
fielen von ihrer Wange hinab und umgriffen ihren Oberarm. Seine zweite Hand
legte er auf ihr Steißbein und zog sie vorsichtig zu sich. Sie konnte sich
nicht bewegen, ihre Glieder waren völlig steif.
Schockgefroren.
Die Gewissheit
dass alles, was sie war, alles was sie je glaubte zu sein schon über ein halbes
Jahrhundert zurück lag traf sie härter als es jeder Schlag jemals gekonnt
hatte. Sie war nicht gestern aus dieser Tür gelaufen, hatte nicht noch gestern
belanglose Worte mit Dawn gewechselt. Ihre Familie, ihre Freunde waren alle
schon viele Jahrzehnte tot und sie war nur eine Erinnerung an diese Zeit, ein
Mahnmal über den Fehler den sie damals begangen hatten.
Ihre Hand verkrampfte sich hart in seinem T-Shirt, griff den Stoff zusammen und
bohrte ihre Fingernägel hinein. Entfernt hörte sie ihn irgendwas sagen, leise
beruhigende Worte an ihr Ohr, aber sie verstand ihn nicht. Es war als würde sie
neben sich stehen und versuchen ihrem Körper Kommandos zu geben, doch er
gehorchte nicht. Stattdessen ließ er sie im Stich und gab sich dem Schmerz
einfach hin.
Teil 8 – Abschied
Sie starrten gemeinsam in den Flur, der vom Mondlicht in ein seltsames Licht
getaucht wurde. Sie umgriff seine Finger ein wenig fester und atmete tief ein.
Ihre Stirn legte sich in Falten und sie neigte ihren Kopf zur Seite. Es lag
beinahe noch alles an demselben Platz wie sie es in Erinnerung hatte. Nur der
viele Staub und der seltsame Geruch verklärte das Bild und zwang sie dazu die
Augen einige Sekunden zu schließen.
„Du kannst auch
draußen warten.“ erinnerte er sie noch einmal und wieder schüttelte sie den
Kopf. Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie ihre Augen wieder und ging mit
schnellen Schritten ins Wohnzimmer. Vor dem tiefen Wohnzimmertisch blieb sie
stehen und sah auf das Buch hinab, dessen Staubschicht bereits weg gewischt
wurde und den Blick auf den Titel frei gab.
Er stand schließlich
hinter ihr, setzte sich nach einigen Momenten neben den Tisch und nahm Giles
Tagebuch in die Hand. Für einen kurzen Augenblick hielt er es einfach nur und
starrte auf den Titel. Doch schließlich schlug er es auf und blätterte einige
Minuten darin bevor er sie seufzend ansah.
„Das wird dir
nicht gefallen, Liebes.“ Seine Stimme klang ruhig und gefasst als er den Kopf
schief legte und das Buch auf seinen Knien absetzte. „Ich kann es dir genau so
gut –.“
„Nein.“
unterbrach sie ihn leise und kniete sich langsam neben ihn, ihren Rücken gegen
den Sessel gelehnt. Sie nahm das Buch aus seinen Händen und bettete ihre Stirn
gegen ihre linke Hand, als sie zu lesen begann.
Er beobachtete
für einige Minuten schweigend ihren Blick, bevor er sich selbst ein Buch nahm
und es kurz durchblätterte. ’LA
BOCA DEL INFIERNO’ stand auf dem Einband und Spike zog
seine Augenbrauen zusammen, während er sich gegen die verstaubte Couch lehnte
und die erste Seite aufschlug.
Einige Minuten
war das einzige Geräusch das Umblättern von Seiten, bis Buffy schließlich
aufstand und sich auf die Sitzpolster fallen ließ. Er blickte von seinem Buch
auf und begegnete ihrem Blick für einen flüchtigen Moment. Sie las nicht
weiter, starrte ihn stattdessen nur an und er war sich sicher, sie war an der
Stelle angekommen an der sich die Handschrift änderte.
„Das Letzte, das
ich zu ihm gesagt hab war ‚Hören sie endlich auf mich wie ein Kind zu
behandeln, ich weiß was ich tue’.“ flüsterte sie und er beobachtete traurig wie
ihre Augen glasig wurden. Sie blinzelte einige Male und starrte an die Decke,
um die Tränen zurück zu behalten.
„Giles war der
Einzige, der nicht sofort Feuer und Flamme für unser großes Ablenkungsmanöver
war.“ lächelte sie traurig und legte den Kopf schief als sie ihn wieder ansah.
„Und ich…“ sie unterbrach sich und ein Schluchzen kam unkontrolliert über ihre
Lippen, weshalb sie sich die Hand vor die Lippen schlug und die Augen schloss.
„Ich war immer
nur genervt wenn er mit mir reden wollte. Ich hab ihm kaum zugehört.“ Ihre
Stimme brach mehrfach und sie wischte sich Tränen von den Wangen, als sie ihn
wieder ansah. „Ich war so fest davon überzeugt dass es nichts gibt, das Stärker
ist als wir.“
Für einige
Minuten schwieg sie und er wagte es nicht etwas zu sagen, sah sie nur an und
wartete bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Schließlich lächelte sie
matt und zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ich war übermütig.“ nickte
sie und strich sich die Haare aus dem Gesicht, als sie ihre Beine zu sich auf
das Sofa zog. „Ich war übermütig und unbedacht und deshalb musste meine
Schwester mit siebzehn Jahren sterben.“
Er zog die dumpfe
Raumluft scharf ein und richtete sich auf. „Buffy.“ sagte er mit fester Stimme
und stellte sich vor sie. Doch sie sah nicht zu ihm auf, stattdessen zogen ihre
Finger die feinen Linien von Dawns Handschrift nach und sie lächelte traurig.
„Buffy.“
wiederholte er noch mal und begegnete ihrem Blick standhaft als sie schließlich
zu ihm aufsah. „Du hast das getan von dem du gedacht hast, dass es helfen
würde. Nichts weiter.“ Er kniete sich vor sie und legte eine Hand auf ihre.
„Das war nicht deine Schuld. Es konnte niemand wissen, dass diese Portale alles
direkt in die Stadt schicken.“ Schnell neigte er seinen Kopf um ihren Blick zu
halten, doch sie sah bereits wieder auf das Buch. Nach einigen Momenten
begannen ihre Pupillen wieder den geschriebenen Zeilen zu folgen und Spike
stand mit einem Seufzen auf.
„Ich bin eine
rauchen.“ murmelte er und zog die kleine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche,
als er Richtung Haustüre ging. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und klappte
sein Zippo auf. Sein Blick ruhte auf der kleinen Flamme und er ließ sie noch
einige Sekunden länger brennen als nötig bevor er das Feuerzeug wieder schloss.
Er ließ seinen Kopf gegen die Wand fallen und sah auf die Treppenstufen der
Veranda herab. Eins der Holzbretter war in der Mitte durchgebrochen und die
Oberflächen waren schwarz und verdreckt. Einige Minuten starrte er einfach nur
auf den Boden vor sich, bevor er die Zigarette mit einem letzten Zug auf den
Boden warf. Aufmerksam beobachtete wie die Glut in der windstillen Nacht nur
matt glimmte und lächelte ein wenig.
„Alle
sorgen sich. Sie sorgen sich so sehr… das macht es nur noch schwerer.“
Ein
trauriges lächeln. Ein kurzer Blick zur Seite.
„Ich bin
mir nicht sicher dass ich dir da folgen kann, Liebes.“
„Ich weiß
nicht. Ich verbringe meine ganze Zeit damit so zu tun als ob alles in Ordnung
wäre, damit sie sich nicht sorgen.
Es ist so
anstrengend. Und das...“ Nägel bohren sich in die Handfläche und sie seufzt
frustriert.
„Lässt
sie sich nur umso mehr sorgen.“ beendete er wissend.
Mit einem
nachdenklichen Lächeln trat er schließlich auf den beigen
Filter und ließ seinen Kopf einmal im Nacken kreisen, bevor er sich wieder
umdrehte und zurück ins Haus ging. Und er blieb wie versteinert stehen, als er
sie auf der Kellertreppe stehen sah. Verwirrt sah er auf ihren rechten Arm, der
waagrecht von ihr Weg ging. Ihre Hand war in der Wand verschwunden und er zog
scharf die Luft ein, als er das klaffende Loch sah.
„Buffy, was zur
Hölle.“ keuchte er und legte seine Finger vorsichtig auf ihre Hand, bevor er
ihren Arm bewegte und ihre Finger aus der Wand zog. Er drehte sie einmal um und
wieder zurück bevor er sich sicher war, dass nur ihre Haut ein wenig
aufgeplatzt war und die Knochen in Ordnung waren. Dann ließ er ihren Arm sinken
und sah in ihr Gesicht. Einige getrocknete Tränenbahnen zierten ihre blassen
Wangen und Spike schluckte hart, als sie schließlich den Kopf drehte und ihn
ansah. Ihr Blick war immer noch traurig und doch… seltsam entschlossen. Er sah
sie einige Momente einfach nur an, verlor sich in ihren grünen Augen und
versuchte zu verstehen. Ihre Stimme holte ihn aus seiner Starre.
„Spike…“
flüsterte sie und er schüttelte den Kopf unbewusst. Seine Bewegungen entzogen
sich seiner Kontrolle, er spürte wie seine Wimpern feucht wurden und griff nach
ihren Schultern. „Spike, bitte.“ Ihre Stimme war rau, erstickt von zu vielen
vergossenen Tränen. Er fühlte ihre Hand auf seiner Wange, ihr Daumen strich
über den Ansatz einer Augenbraue und schließlich über seine Schläfe.
„Es gibt keinen
anderen Weg.“ Sie kam auf ihn zu und als sie sein Gesicht zwischen beide
Handflächen nahm merkte er, dass er immer noch den Kopf schüttelte. Er wich
zurück, löste sich aus ihrer Berührung als hätte er sich verbrannt. Geschockt
blickte er in ihre Augen und streckte die Hand aus, als sie etwas sagen wollte.
„Nein.“ war das Einzige, das er herausbrachte und er war sich nicht sicher ob
sie es hatte hören können. Doch als ihre Gesichtszüge einen gequälten Ausdruck
annahmen konnte er sich aus seiner Gefühlsstarre lösen und ließ die Wut ihn
übernehmen.
„Nein, verdammt!“
schrie er und packte sie an den Schultern, trieb sie gegen die Wand und stellte
sich vor sie. Sein Gesicht war nur wenige Millimeter vor ihrem und er funkelte
sie wütend an. „Du kannst mir nicht sagen dass du mich liebst und von mir
verlangen dass ich am nächsten Tag zusehe wie du stirbst!“ raunte er und schüttelte
sie einmal vor und zurück bevor er sie wieder hart gegen die Wand presste. Sie
öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch er wollte es nicht hören. Mit einem
lauten Knurren versenkte er seine Zunge in ihrem Mund und erstickte jedes Wort
im Keim.
Er presste sich
mit seinem ganzen Körper gegen sie, hielt sie gefangen, ließ ihr keinen Raum
sich zu bewegen. Seine rechte Hand legte sich in ihren Nacken, umgriff eine
Haarsträhne und zwirbelte sie fest um seinen Zeigefinger. Sein linkes Knie
schob er zwischen ihre Beine, presste es gegen ihre Schenkel und strich damit
einige Male hart gegen ihre Mitte. Ein leises Stöhnen entkam ihren Lippen
zwischen zwei Küssen und ihre Hände verkrampften sich in seinem Nacken. Sie
drückte sich gegen sein Knie, rutschte auf dem Knochen hin und her und wimmerte
gegen seinen kalten Mund, als er den Kuss plötzlich unterbrach. Er starrte in
ihre Augen und hob sein Bein noch ein wenig höher.
„Tu mir das nicht
an.“ raunte er gegen ihre Lippen und zog ein wenig an der Haarsträhne um seinen
Finger. Buffy starrte mit verschleiertem Blick zurück und eine kleine Falte
bildete sich zwischen ihren Augenbrauen, als sie ihn unverwandt ansah und ihren
Kopf nicht bewegte. Ein tiefes Knurren entwich seiner Kehle und er bewegte sich
mit ihr zusammen ein Stück von der Wand weg, nur um sie im nächsten Moment mit
roher Gewalt wieder dagegen zu drücken. Seine zweite Hand verließ ihre Schulter
und er legte sie unter ihren Hintern um sie hoch zu heben. Mit einer fließenden
Bewegung schob er sie an der Wand hoch und Buffy presste ihre Oberschenkel fest
gegen seine Hüfte. Ihre Füße verschränkte sie hinter seinem Rücken und stützte
sich mit den Händen an seinen Schultern ab.
Sie sahen sich
schwer einatmend an und keiner brach den Blickkontakt, als Spike sie von der
Wand weg zog und die zwei Stufen zum Flur im Erdgeschoss hoch lief. Nachdem sie
wieder im Gang standen, trat er die Kellertüre mit seinem linken Fuß zu und
presste sie dagegen. Ohne zu zögern griff er zwischen sie und öffnete den
Reißverschluss ihrer Jeans. Für einen kurzen Moment bewegte er sich einige
Zentimeter von ihr zurück und schob ihre Hose und den Slip gleichzeitig
herunter. Dann griff er an seinen eigenen Hosenbund, öffnete hastig den Knopf
und zog die schwarze Jeans ein wenig nach unten.
Er sah sie nicht
an, als er sie wieder gegen die Tür drückte und ihre Schenkel auseinander zog.
Und als er sich mit einem einzigen schnellen Stoß bis zum Anschlag in sie
versenkte stöhnte er gegen ihren Nacken und verkrampfte seine linke Hand in
ihren Haaren. Sein Kinn ruhte auf ihrer Schulter und er wollte sie nicht
ansehen, als er immer schneller in sie hämmerte, ohne Gefühle, ohne Liebe, ohne
ihre Erlaubnis. Er wollte sie nur so nah an sich fühlen wie irgend möglich und
ihr jegliche Chance nehmen von ihm weg zu gehen. Nach einigen Stößen ließ er
seine Hände von ihren Armen herunterfallen und legte sie auf ihre Taille. Seine
Fingerkuppen bohrten sich in ihre weiche Haut und er zwang ihr Becken dazu sich
mit ihm zu bewegen.
Er konnte sie
gegen sein Ohr stöhnen hören und er lockerte seinen Griff um ihre Hüfte ein
wenig, als sie sich selbst mit ihm bewegte. Er lehnte sich ein wenig zurück um
sie anzusehen, eine Hand drückte sich neben ihren Kopf gegen die Türe.
„Sag dass du mich
liebst.“ raunte er und war selbst verwundert über den Klang seiner Stimme. Er
hatte erwartet dass sie wütend und befehlend klingen würde, doch sie war
brüchig und kaum zu hören. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass Tränen ihre
Bahnen über seine Wangen zogen.
„Ich liebe dich.“
keuchte sie zwischen zwei Stößen und sah ihn angespannt an, als er sich mit
einem dunklen Raunen ganz aus ihr zurück zog, um sich im nächsten Moment wieder
mit einer einzigen Bewegung in ihr zu vergraben.
„Noch mal.“
knurrte er und seine Hand drückte sich gegen ihre Beine, fand ihre Mitte und
strich fest darüber während er weiter in sie stieß. Buffy öffnete ihren Mund
und versuchte etwas zu sagen, aber es kam kein Wort heraus. Stattdessen
schnaubte sie einige Male tonlos und schrie schließlich unkontrolliert auf, als
er sich ein weiteres Mal völlig zurückzog und sich wieder tief in sie
versenkte. Ihre Hände wanderten zitternd über seine Brust und er verstärkte
seinen Halt um ihre Hüfte, als sie sich aufbäumte und den Kopf in den Nacken
warf. Er zog seine Hand zwischen ihren Beinen zurück und stützte sie gegen die
Türe, während er noch zwei Mal schnell in sie stieß und sich schließlich mit
einem leisen Wimmern in ihr ergoss.
Mit einem tiefen
Atemzug ließ er sich einige Sekunden später auf die Knie fallen und setzte sie
auf seinen Schoß. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter und lauschte ihrem
schnellen Herzschlag.
„Ich liebe dich
und es tut mir leid.“ hörte er sie einige Augenblicke später sagen und merkte
wie der Stoff auf seiner Schulter feucht wurde. Er spürte wie einige Tränen in
seinen Kragen tropften, seine Haut benetzten und ihm mit absoluter Sicherheit
mitteilten, dass er sie soeben verloren hatte...
Und noch im selben Moment als ihn diese Erkenntnis traf löste sie sich von ihm
und sah ihn mit glasigen Augen traurig an. Tränen liefen ungehindert über die
errötete Haut ihrer Wangen und sie schluchzte tief. „Ich weiß, dass es das nur
noch schwerer für dich macht und es tut mir leid." wisperte sie gegen
seinen Mund, bevor sie ihre Lippen für einige wenige Sekunden federleicht auf
seine legte und sich schließlich aufrichtete.
Er beobachtete
wie sie ihre Jeans nach oben zog und sie zuknöpfte. Mit leerem Blick tat er
dasselbe und stand benommen auf. Nachdem sie ihre Kleider zurechtgerückt hatte
sah sie ihn wieder an und ihr Blick ließ keine Diskussionen zu. Seine Schultern
senkten sich verzweifelt und er streckte seine Hand nach ihr aus, ein letzter
Versuch sie zu halten. Sie griff danach, verhakte ihre Finger mit seinen und
hauchte einen spürbaren Kuss auf seinen weißen Handrücken.
Dann ging sie.
Drehte sich um ohne zurück zu sehen. Ihre blonden Locken wehten hin und her,
als sie durch den Türrahmen ging. Er lauschte den leisen Geräuschen die ihre
Absätze auf dem grauen Asphalt der Straße hinterließen und als sie allmählich
verklangen ließ er sich auf den Boden des Flurs fallen.
Epilog –
Sonnenaufgang
Erschöpft ließ er sich auf die gelbliche Wiese sinken und lehnte sich gegen
einen der vielen, verdorrten Stämme. Rauch füllte seine toten Lungen und trat
nur langsam zwischen seinen Lippen hervor, als er schweigend über die Dächer
der Stadt hinausblickte.
Es war der Beginn eines Sommertages, das spürte er an der Luft, die plötzlich von
einer seltsamen Frische durchzogen wurde. Durch die vielen kahlen Bäume hatte
er einen guten Blick auf die Stadt. Der hohe Turm in der Mitte warf einen
riesigen Schatten auf die Häusersiedlung dahinter. Doch inzwischen wirkte alles
nicht mehr annähernd so düster und trüb wie noch vor wenigen Stunden. Der
Himmel war etwas aufgeklärt und erhellte mit seiner dunkelblauen Farbe die
Straßen und Gebäude unter ihm.
Und er wusste, er wollte nicht wieder zurück in die Welt da draußen. Auch wenn
er sich ablenken und beschäftigen würde, er würde nicht vergessen. Er konnte
nicht. Nicht mehr.
Die Glut der Zigarette trat er mit der dicken Sohle seines linken Stiefels aus
und stand wortlos auf. Sein Blick fiel kurzzeitig auf seine Hand, die rötlich
schimmerte und aus der schließlich einige Bluttropfen austraten. Seine Finger
umfassten noch immer krampfhaft den Schaft der Schaufel und ein kleines Lächeln
fiel auf seine Mundwinkel, bevor er seinen Arm wieder senkte und den Griff
lockerte.
-
Zwischen hohen
Grashalmen und bunten Wiesenblumen lag ein Körper. Alles Leben, das einmal in
ihm gewesen war, hatte ihn verlassen. Das schwache, weiße Mondlicht schien auf
ihr anmutiges Gesicht. Man hätte denken können, sie wäre friedlich
eingeschlafen und nie wieder aus ihrem Traum erwacht, mit einem Lächeln auf den
Lippen.
Er hörte seinen eigenen Atem, als er auf die Knie fiel und ihre weiße Haut mit
seinen Blicken streichelte. Ein Luftzug spielte mit den Grashalmen auf der
Wiese und einige blonde Strähnen wehten sanft über ihr Gesicht. Zitternd legte
sich sein rechter Daumen auf ihren Mund und fuhr immer wieder leicht über ihre
weichen Lippen. Und er biss fest auf seine Unterlippe und schloss die Augen.
Mit einem Ruck fiel sein Kopf nach vorne und eine Weile war nichts weiter zu hören,
als das verhaltene Schluchzen eines Verzweifelten. Und wie auf Befehl öffnete
der Himmel in diesem Moment seine Schleusen und kalter Regen fiel in klaren
Fäden aus den schwarzen Wolken, vermischte sich mit seinen Tränen und dem Blut,
das noch immer aus seinen Handflächen quoll und in dicken, roten Tropfen auf
die aufgelöste Erde fiel. Und er presste seine Augen zusammen, als er neben ihr
das metallene Ende der Schaufel in die Erde rammte und seine Arme um ihren
Oberkörper verkrampfte.
-
Er wusste nicht,
wie lange er in dieser Position verharrt war. Eine Stunde, zwei… es kümmerte
ihn nicht. Er blieb einfach sitzen, zu Boden geneigt, schweigend. Irgendwann
stand er auf. Seine Mantel und seine Jeans waren durchnässt und sein schwarzes
Haar fiel ihm in nassen Locken in die Stirn. Ein letztes Mal betrachtete er die
drei frischen Gräber und ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er
langsam den Mund öffnete und ein leises Wispern in Richtung Himmel schickte,
welches ungehört in der Morgenröte verhallte.
Langsam senkte sich die Sonne über die Dächer, hüllte die Umgebung in ein
goldenes Licht ein. Einige Menschen liefen auf den Straßen herum. Keiner sprach
ein Wort, alle starrten nur in den Himmel. Die Sterne verblassten in den hellen
Orangetönen des Horizonts. Der Mond war nur noch eine matte Scheibe über ihren
Köpfen. Erste Sonnenstrahlen benetzten den Stadtrand und tauchten die leeren
Häuser in ein grelles Licht.
Er beobachtete fasziniert wie sich die gelbe Scheibe über den Horizont schob.
Stück für Stück. Sein Blick liebkoste den Sonnenaufgang und er sah auf den
Boden auf den sich der Lichtkegel immer näher auf ihn zuschob. Zuerst erreichte
er seine Knie, auf denen seine Hände lagen. Er lächelte als Rauch von seiner
weißen Haut aufstieg und sich schließlich wenige Momente später eine kleine
Flamme bildete. Er zeigte keine Reaktion, hieß den Schmerz willkommen. Und
während ein Sonnenstrahl nach dem anderen seine Haut benetzte klammerte er sich
an diesen einzigen, wahren Moment in seinem ganzen Unleben. Den Moment, in dem
seine Jägerin ihn geliebt hatte.
Es gab Dinge, die es Wert waren dafür zu sterben.
Ende