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Titel: Seize The Night Autor: Anna, annawoerner[at]gmx[dot]net Genre: Romantik, Horror Zeit:
Direkt nach 6.13 Dead Things / Manipulationen Charaktere: Buffy, Spike, Scoobies Inhalt: Buffy
wird von einem Werwolf gebissen und Spike ist der Einzige, dem sie es
erzählen kann. Teil(e): 8 Abgeschlossen: Nein Wörter: 20413 Anmerkung: Ich
greife aus ästhetischen Gründen auf eine etwas andere Art Werwolf zurück, sprich eher wolfähnliche Gestalten als diese
„Yeti-Version“ aus der zweiten, dritten, vierten Staffel. Ansonsten bleibt
alles beim Gleichen: Alles was in der Serie über Werwölfe gesagt wurde, werde
ich so in etwa übernehmen. Warnung:
Düstere Fiction, da Buffy in Staffel 6 nun einmal so war wie sie
war – Gewalt, Sex, Angst und viele unfreundliche Worte. |
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Teil 1 - Patroullie
Ihr hektisches Atmen klang in
dieser Nacht wie ein mechanisches Uhrwerk, das durch sein langes Pendel langsam
an Geschwindigkeit zunahm. Als sie mit angezogenen Ellenbogen über den
aufgeweichten Boden hechtete konnte sie spüren, wie die Sohlen ihrer braunen
Stiefel mit jedem Schritt etwas mehr in die nasse Erde sanken. Ihre Lider
kniffen sich angespannt zusammen, um ihr Ziel anzuvisieren, das in diesem
Moment in eine dichte Nebeldecke rannte. Angestrengt zog sie die kalte
Nachtluft zwischen ihren Zähnen ein, als sie ihre Beine in einem großen Satz
hochriss um über den nächsten Grabstein zu springen.
Hastig atmete sie ein und aus
und wich instinktiv den Baumstämmen aus, als sie im Wald angekommen war und der
Nebel ihr die Sicht nahm. Äste schnitten bei zunehmender Geschwindigkeit tiefe
Striemen in die Haut an ihren Armen und Unterschenkeln und zwangen sie dazu ihre Fingernägel schmerzhaft tief in ihre
Handinnenflächen zu drücken. Ihre Gedanken rasten zwischen dem beißenden
Schmerzen und diesem einen Satz hin und her.
Wenn er es bis zur Straße schafft, hat er
gewonnen.
Plötzlich war es totenstill.
Das hektische Hecheln war von einer auf die andere Sekunde verstummt und das
Einzige was nun noch zu hören war, war das Zirpen der Grillen, die sich an dem
kleinen Flusslauf in der Nähe des Merrit Lakes tummelten. An der nächsten Schneise blieb sie stehen
und versuchte ihren Atem langsam zu beruhigen. Einige Male drehte sie sich noch
um die eigene Achse, bevor sie ihre Augen schloss. Sie konnte hören, wie er
durch das Dickicht schlich, langsam, beobachtend.
Ruckartig sprang sie zurück und
rannte schließlich nach links. Er tat es ihr gleich. Kleine Äste verfingen sich
in ihren Haaren und schnappten in ihr Gesicht. Sie wusste, dass dieser Weg
nicht für Menschen gemacht war... und sie befürchtete, er wusste es auch. Sie
verzog das Gesicht, schloss ihre Augen um sie zu schützen und rannte weiter. Zu
ihrem Glück war der Pfad, den er in den Untergrund trampelte gut spürbar und so
folgte sie ihm.
Dann wurde der Wald wieder
ruhiger und so blieb sie für einen weiteren Moment stehen um wieder zu Atem zu
kommen.
Sie konnte sehen wie sich der
Himmel bereits aufhellte. Die Nacht war vorüber. Der Sonnenaufgang erhellte die
Baumkronen mit seinem orangeroten Glanz und sandte schemenartige Fetzen von
Sonnenstrahlen bis auf den Waldboden. Sie lief an ein paar Bäumen vorbei, bevor
sie zu einer kleinen Lichtung kam, die mit Licht geflutet war. Sie konnte die
Wärme fühlen, die in ihren Nacken schien, mit dem Versprechen eines weiteren,
schwülen Frühlingstags. Ein feuchter Schleier lag noch immer auf den langen
Gräsern und Büschen, doch die kühle Luft stieg langsam empor um dem sonnigen
Morgen zu begegnen.
Sie atmete den Nebel tief ein,
schloss ihre Augen und genoss für einen kurzen Moment die absolute Leere dieses
Geruchs. Ein kleiner blauer Vogel begann links von ihr zu zwitschern. Ein
wirklich schöner Morgen. Sie atmete noch einmal tief ein, versank darin,
begegnete der Angst in ihr, die sich mit der Vorfreude auf die Jagd verband. Es
würde gleich vorbei sein.
Mit geschärftem Blick presste
sie ihren linken Fuß auf einen der zahlreichen Felsbrocken, die vom Herbstlaub
bedeckt den Weg durch den Wald säumten. Daran drückte sie sich mit voller Kraft
nach vorne und ihre Augen glänzten vorfreudig, als sie sich letztendlich auf
ihn warf. Das hatte er nicht erwartet.
Gewonnen.
Ein Knurren aus seiner Kehle
durchschnitt das gleichmäßige Ertönen von hastigem Keuchen. Dunkelbraune Augen
schimmerten golden auf, als sie seine Pranken hinter seinen Kopf drückte. Mit
Nachdruck verlagerte sie ihr Gewicht auf ihre Arme, als ihr Gegenüber sich
aufbäumen wollte. Er schaffte es irgendwie sich aus ihrem Griff zu lösen und in
diesem einen unachtsamen Moment konnte sie nichts anderes tun, als ihn hilflos
anzustarren. Sie konnte den schmerzerfüllten Schrei nicht zurückhalten, als
sich dicke, spitze Eckzähne in ihren rechten Oberarm bohrten.
Ihre linke Hand griff
reflexartig an ihren Gürtel um die Spritze herauszuziehen, die von der Schnalle
an das schwarze Leder gedrückt wurde. Ein verzerrtes Lächeln stahl sich auf
ihre Lippen, als sie den dünnen Plastikzylinder zwischen Zeige- und
Mittelfinger hin und her balancierte, um ihn in die richtige Position zu
bringen.
Und als sie die Spritze mit
einer einzigen festen Bewegung in sein Fell rammen wollte wirbelte er sie um
die eigene Achse. Sie presste ihre Lippen hart aufeinander, als sich die kalte
Metallnadel bei der plötzlichen Bewegung in ihre rechte Schulter rammte.
Sie konnte beinahe hören wie
sich die farblose Flüssigkeit mit ihrem Blut vermischte und wusste noch in
demselben Augenblick, dass sie nur noch wenige Minuten hatte, bis das
Beruhigungsmittel sie außer Gefecht setzen würde. Sie blickte starr vor Schock
in die seltsam leuchtenden Augen ihres Gegenübers, als sie den langen Dolch aus
der zweiten Halterung herausfingerte und ihn ohne eine Sekunde zu zögern in
seinen Rücken rammte. Die Zeit für taktische Überlegungen war vorbei, nun ging
es ums Überleben.
Mit zitternden Lippen
beobachtete sie wie die Kraft, die eben noch seine Muskeln in kampfbereiter
Starre hielt, sich von Sekunde zu Sekunde mehr zu lösen schien. Ihre Augen
füllten sich mit Tränen als sich seine Pupillen in einem bittersüßen Duett mit
seinem letzten Atemzug nach oben richteten und er letztendlich auf ihr
niedersank.
„Oh Gott...“, wisperte sie und
schloss ihre Augen, als ihr Kopf erschöpft zur Seite fiel. Einige Minuten blieb
sie so liegen, lauschte dem schrillen Tönen der kleinen Spatzen und umklammerte
schließlich seine Schultern, um ihn von sich zu drücken. Ihre Augen suchten die
nahe Umgebung ab und sie keuchte als sie versuchte aufzustehen.
Ein pochendes Stechen zog sich
über ihren rechten Arm und als sie einen Blick riskierte, biss sie sich auf die
Unterlippe. Drei große Schrammen hatten sich mit Blut gefüllt und ließen die
fehlende Haut leicht abhängen. Nach Luft ringend ließ sie sich auf ihre Knie
fallen und krabbelte noch einige Meter, bevor sie sich mit einem stummen Fluch
auf den Boden fallen ließ und sich noch im selben Moment auf den Rücken drehte.
Ihre Augen waren starr auf das
Firmament gerichtet, das durch die kahlen Äste nur phasenweise zu erkennen war.
Das tiefe Orange des Sonnenaufgangs verblasste allmählich und vermischte sich
mit einem sanften Blau. Die kleinen hellen Punkte am Himmel verzerrten sich zu
lang gezogenen Bahnen. Sie bildeten Kreise, die sich langsam auseinander und
wieder zusammen zogen. Heißkaltes Zucken erfüllte ihren Arm und sie konnte
spüren, wie Blut auf den eisigen Waldboden floss.
Geräusche traten an ihr Ohr,
laut und unnachgiebig. Die zuvor beruhigende Kulisse brach nun in schrillen
Tönen über sie herein und Buffy drückte mit einem gequälten Stöhnen beide Hände
auf ihre Ohren. Alles war viel stärker, intensiver, sie roch das Moos und die
verdorrten Blätter unter sich. Ganz in der Nähe sprang ein Feldhase über einige
Wurzeln. Ihr Mund öffnete sich mit einem tonlosen Keuchen und sie spürte wie
ihr gesamter Körper zu zittern begann. Hitze durchströmte ihre Glieder, ihre
Muskeln zogen sich krampfhaft zusammen und versagten ihr jegliche Möglichkeit
sich zu bewegen. Ihr Körper war starr, die Schmerzen verlangten von ihr sich
hin und her zu schmeißen doch sie konnte nicht.
Das Betäubungsmittel hielt sie
an ihrem Platz und nahm ihr allmählich die Sicht. Ihre linke Hand umklammerte
krampfhaft die pulsierende Wunde, bevor es schwarz um sie wurde und ihr Kopf
mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden zurück fiel.
Teil 2 - Erwachen
Etwas Kaltes drückte sich an
ihre Schläfe. Als sie sich zur Seite drehte, konnte sie nasses Gras an ihrem
Bauch und an ihren Beinen fühlen. Sie kniff ihre Lider einige Male zusammen,
bevor sie ein Auge öffnete. Bäume. Lange Grashalme. Eine Wiese. Sie wollte
ihren Kopf heben, etwas hinderte sie daran. Doch da war nichts, sie konnte
niemanden sehen, der sie daran hinderte. Es waren ihre Muskeln, die ihren
Dienst versagten. Wo war sie?
Fragmente
sinnhafter Erinnerungen schossen durch ihren Kopf und als sie sich ruckartig
aufsetzte, schrie sie den Schmerz der durch die Bewegung erzeugt wurde in den
hellen Tag hinein. Eine Jacke verdeckte ihren nackten Körper und der Duft, der
von ihr ausging, wirbelte durch ihren Kopf und ließ sie für einen Moment das
tief sitzende Pochen in ihrem Arm vergessen. Hände legten sich um ihre Arme und
zogen sie nach oben, die Berührung eben so bekannt wie der Geruch.
„Buffy?“
Ein Gesicht beugte sich über sie. Giles. Rotes Haar fiel von hinten über ihr
Gesicht und wurde von einer blassen Hand zurückgestrichen. Nicht möglich. Nicht
hier. Sie schloss wieder ihre Augen.
„Buffy?“
Etwas lauter jetzt, und besorgter. Sie versuchte sich wieder zu bewegen, aber
es tat zu weh und so ließ sie sich einfach in die Arme fallen und schloss ihre
Augen wieder.
„W...“,
würgte sie und wollte ihn eigentlich fragen, wie sie sie gefunden hatten.
„Wie...“,
versuchte sie es noch einmal und akzeptierte schließlich, dass jetzt nicht viel
mehr ihren Mund verlassen würde.
„Ist
schon gut, wir können später reden“, lächelte er und strich ihr kurz über das
Gesicht.
„So
hab’ ich sie noch nie gesehen.“ Verbitterung drang aus seiner Stimme und ließ
sie sich fast schuldig fühlen. Das letzte Mal hatte er sie so angesehen, als
sie zugelassen hatte, dass Angel sie biss.
„Er...
er hat mich...“, begann sie, doch bevor auch das letzte Wort den Sprung über
ihre Lippen schaffte, fiel sie wieder ins Dunkle.
-
Diesmal weckte sie eine
unangenehme Hitze. Künstliche Wärme blies über ihr Gesicht hinweg und zwang sie
ihre Augenlider noch ein bisschen fester aufeinander zu drücken. Ein Motor
brummte gequält vor sich hin und sie konnte ein schwaches auf und ab Wippen spüren.
Der Geruch von altem Leder stieg in ihre Nase. Sie drückte ihre Stirn noch
etwas tiefer in die Jacke, die noch immer auf ihr lag, um dem Gebläse zu
entgehen.
„Ist das zu heiß?“, fragte eine
Stimme, die unumstritten zu Xander gehörte. Sie versuchte ihm zumindest ein
Nicken als Antwort zu geben, so dass er wusste, dass sie ihn verstand.
„Ist sie wach?“, konnte sie
eine andere Stimme hören, diesmal etwas weiter weg und weniger aufdringlich.
„Ich weiß es nicht. Ihre Augen
sind geschlossen“, antwortete Xander und im nächsten Moment konnte sie ein
Klicken hören, das die heiße Luft stoppte. „Ich denke wir können aufhören. Sie
hat wieder Farbe im Gesicht.“
Sie schluckte einmal hart und
verzog ihr Gesicht angewidert angesichts des metallenen Geschmacks von Blut,
der sich in ihrem Mund ausgebreitet hatte. Ihre Hände umklammerten ihren
Oberkörper, als sie ihren Kopf an die kalte Fensterscheibe drückte. Ein Auge
öffnete sich, gefolgt von einem zweiten und sie beobachtete angestrengt die
vielen Autos, die an ihnen vorbeirasten. Nachdem sie ihre Stirn noch ein wenig
an der nassen Scheibe abgekühlt hatte, wandte sie ihren Blick vom Verkehr ab
und sah zum Beifahrersitz, auf dem Willow saß. Ihre Augen waren auf den
Außenspiegel gerichtet und sie konnte sehen, wie sie sie kurz anlächelte. „Sie
ist wach, Leute.“
Ein Klicken ließ sie
zusammenzucken und dann schnallte einer der Gurte zurück in seine Ankerung, als
Xander sich über sie beugte und ihr tief in die Augen sah.
„Ist dir warm genug?“, fragte
er und strich ihr über die Stirn.
„Ich...“
„Warte noch mit dem Sprechen,
Buffy“, unterbrach Giles sie und hielt Xander eine große Wasserflasche hin.
„Lass sie kurz nippen, aber
nicht zuviel. Sie ist dehydriert.“
Ein paar Sekunden später
drückte sich eine kalte Plastikumrandung an ihre Lippen und sie sah Xander fest
in die Augen, als sie ein paar kleine Schlücke nahm. Die kalte Flüssigkeit
linderte das Brennen in ihrem Hals und sie ließ ihren Kopf seufzend nach hinten
fallen.
„Besser?“, lächelte Xander und
sie nickte kurz und schenkte ihm ein kurzes Lächeln.
„Du hast uns einen ganz schönen
Schrecken eingejagt.“, sagte er und im nächsten Moment stahl sich ein breites
Grinsen auf seine Lippen. „Giles hat sich so sehr erschrocken, dass er um ein
Haar seine Midlifecrisis übersprungen hätte und zu den Jahren des Juckreizes
und der Inkontinenz übergegangen wäre“, gluckste er und nahm selbst einen
tiefen Schluck aus der Wasserflasche.
„Das hab ich nicht gehört“,
murmelte Giles, als er das Lenkrad mit einer fließenden Bewegung nach links
bewegte und schließlich auf die Bremse ging, als sie in der Einfahrt standen.
„Wir bringen sie am besten hoch
in ihr Bett“, sagte Willow, als sie die die Fahrtüre öffneten und im nächsten
Moment konnte Buffy spüren, wie jemand ihre Beine und Arme griff. Ihr Blick
verschwamm etwas und ein Seufzen trat über ihre Lippen, als ihre Augenlider
ihren Dienst aufgaben und immer schwerer wurden, bis sie sie zwangen sie ganz
zu schließen.
-
Sie erwachte in Erinnerungen.
Zumindest glaubte sie dass, da die Vorstellung jetzt wieder in diesem Wald zu
sein sogar für sie unrealistisch schien. Oder womöglich war sie nie von dort
weggekommen?
Sie sah sich um. Panisch. Jeder
Teil ihres Körpers tat weh. Diese Nacht war anders als die letzten Nächte. Das
war nicht die Art Patroullie, die sie kannte. Eine Abfolge von Bildern und
Gerüchen zog durch ihren Kopf – Schmerz, Angst, Wut, Unglaube. Sie rannte
wieder durch diesen Wald, dieses Mal war sie schneller, geschickter. Die Äste
wichen vor ihren Bewegungen, das Dickicht hatte sich mit ihr verbündet und ließ
sie gewähren.
Sie konnte ihn wieder vor sich
her rennen sehen, doch dieses Mal konnte er sich nicht verstecken, weil sie
durch die Bäume hindurch sehen konnte, als wären sie ein rissiges, abgenutztes
Papier. In diesem Moment definierte sich das Wort Jäger in ihren
Gehirnwindungen völlig neu.
Ihr Herz pochte gegen ihren
Brustkorb, doch das alles verblasste gegenüber der Sensation dieser Nacht. Noch
nie hatte sie ihr Opfer so klar vor sich gesehen. Er hätte noch so gerissen und
raffiniert sein können, er würde es niemals schaffen vor ihr zu fliehen.
Die Kraft, die ihre Beine
antrieb schien magisch. Sie wurde immer schneller, der Vorsprung, den sie ihm
gegeben hatte, verkürzte sich. Sie drangen immer weiter in den Wald vor.
Plötzlich blieb er stehen.
Als sie ihn von einem Moment
auf den anderen nicht mehr hören konnte, stürmte sie in die nächste Lichtung.
Irgendwas streifte ihr rechtes Vorderbein und sie machte einen Satz nach vorne
in das tiefe Gras. Doch die Tiefe war tückisch und sie stolperte kurz, den
Blick über die Schulter, nur um ihn hinter sich stehen zu sehen.
Er sagte etwas, seine Hände
drückten sich leicht nach unten. Sie konnte seine Worte nicht verstehen, etwas
hinderte sie daran. Bedeutungslose Phrasen und Silben traten an ihre Ohren,
doch der Sinn der dahinter stand mochte nicht zu ihr durchzudringen. Doch die
Bewegung allein genügte um zu wissen was er ihr sagen wollte. Ruhig Hündchen.
Sie konnte ein tiefes Knurren
in ihrer Nähe hören und sah sich unruhig um, nur um letztendlich wieder zu ihm
zu sehen. Seine Beine waren jetzt gespreizt, etwas Silbernes glänzte in seiner
rechten Hand.
Wieder dieses Knurren. Es klang
jetzt noch wütender.
Er sagte wieder etwas und
dieses Mal verstand sie sofort.
Komm und hol mich.
Sie duckte sich und sprang im
nächsten Moment mit einem Satz auf ihn zu. Doch plötzlich verdeckte ein grelles
Licht ihre Sicht. Etwas durchbohrte ihre linke Schulter und heißes Blut rann
über ihrer Brust. Sie konnte die rote Flüssigkeit über ihre Haut fließen hören
und plötzlich war da dieses Geräusch neben ihr.
Abgesehen von dem Schwall an
Blut verspürte sie keinerlei Schmerz. Kein bisschen. Da war nur dieses
irritierende Pochen in ihrem Kopf. Im Augenwinkel sah sie, dass er die Knarre
noch mal auf sie richtete, doch es war zu spät. Sie war bereits auf ihm.
Er zitterte unter ihr, die
Waffe fiel in das Gras und verlor sich zwischen den langen Halmen. Als ihr
Gesicht auf seines zukam, weiteten sich seine Augen und der Schock, die Angst
und der tiefe Unglaube über die Gegenwart ließ ihr Herz rasen. Für eine Sekunde
ließ sie sich in diesen Gefühlen versinken und genoss den Gedanken ihres
Triumphs und seiner Niederlage. Dann riss sie seine Kehle auf.
Gewonnen.
„...Gewonnen.“ Ihre eigene
Stimme weckte sie aus ihren Träumen. Sie lag auf ihrem Rücken und starrte auf
die einsame Glühbirne, die von der Decke hing. Sie drehte ihren Kopf zur Seite
und starrte an die kahlen Wände. Keine Fenster. Keine kleinen Bildchen. Sie war
im Keller. Sie spürte hartes Metall an ihren Handgelenken. „Nicht doch.“
Hinter dem Holztisch saß jemand
auf einem der Stühle und sie drehte sich auf den Bauch.
„Was soll das?“, fragte sie in
den Raum und setzte sich dabei langsam auf.
„Du hast uns keine Wahl
gelassen“, antwortete Giles und jetzt erkannte sie auch sein Gesicht, dass von
der Abenddämmerung in ein seltsam ernstes Licht getaucht wurde. „Du hast um
dich geschlagen und hast dich nicht in dein Bett legen lassen“, erklärte er ihr
und sie beobachtete aus dem Eck, wie er langsam auf sie zukam. Er lächelte sie
ruhig an und kniete sich zu ihr herunter.
„Willst du mir jetzt erzählen
was im Wald passiert ist?“, fragte er und setzte sich nach kurzer Überlegung zu
ihr. Den Rücken lehnte er gegen die Wand und nahm dabei ihre linke Hand in
seine.
Er strich mit dem Daumen kurz
beruhigend über ihren Handrücken, bevor sie ein Klicken vernahm und die
Handschellen von ihren Gelenken rutschten.
Sie sah ihn nachdenklich an,
versuchte aus seinem Blick schlau zu werden und strich sich schließlich unruhig
durch die Haare.
„Ehrlich?“, lächelte sie und
stützte ihre Hände am Boden ab, um sich nach oben zu drücken. „Ich kann mich
nicht mehr erinnern“, schnaufte sie und ließ ihre Arme dabei geräuschvoll gegen
ihren Oberkörper fallen.
Seufzend drückte sie ihren
Rücken durch und ging langsam in Richtung Treppe. Im Augenwinkel sah sie, wie
Giles ihr folgte, aber an der ersten Stufe stehen blieb.
„Buffy“, betonte er ihren Namen
ernst und er sah sie bedeutungsvoll an, als sie sich herumdrehte.
„Giles. Es geht mir gut“,
lächelte sie und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türe, als ihre rechte
Hand zum Türknauf wanderte und ihn nach hinten drückte. „Er war einfach
stärker. Es lief eben nicht so wie ich es gedacht hatte“, gab sie leise zu und
lehnte sich so gegen die Türe, dass sie sich von selbst nach hinten hin
öffnete. „Aber jetzt ist er tot, alles in Ordnung“, fügte sie etwas lauter
hinzu nachdem sie bereits die Treppe in das erste Stockwerk hoch gelaufen war.
Sie konnte seinen mahnenden Blick in ihrem Rücken spüren, lief jedoch weiter.
„Buffy, er ist nicht...“,
setzte er an, doch sie war bereits um die Ecke abgebogen. Seufzend senkte der
Wächter seine Schultern und schüttelte für einen Moment den Kopf missmutig,
bevor er sich herumdrehte und zur Haustüre ging.
Teil 3 – Spiegelbild
Nachdem sie die Badezimmertüre
hinter sich geschlossen hatte, ging sie geradewegs auf den übergroßen Spiegel
zu, der über dem Waschtisch mit den silbernen Armaturen hing. Die letzte Nacht
war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie sah aus, als hätte sie seit
Wochen nicht mehr geschlafen. Ihr blondes Haar hing strähnig auf ihren
Schultern, die sonst so grünen Augen waren nun stumpf und wirkten verloren und
glasig. Ihr Gesicht war wie eingefallen.
Sie drehte den Hahn auf, schöpfte kaltes Wasser in ihre zittrigen Hände und
fuhr sich damit durch das Gesicht.
„Was ist mit mir?“, fragte sie
ihr Spiegelbild und für den Bruchteil einer Sekunde war ihr so, als würde es
sie anlächeln.
Sie ging einige Schritte zurück
und beobachtete, wie die Person in dem Spiegel dasselbe tat. Kopfschüttelnd
wandte sie ihren Blick von sich ab und während sie auf die Dusche zuging
umfasste sie den Bund ihrer Hose und zog sie nach unten. Mit den Zehenspitzen
schob sie die Jeans zur Seite und zog noch im gleichen Moment ihren Pullover
nach oben.
Ein weiteres Mal blickte sie zu
dem Spiegel, fuhr mit ihren Händen über ihren Körper und legte ihren Kopf
schief, als ihr Blick auf den Verband an ihrem Oberarm fiel. Mit ihrer linken
Hand zog sie die Klammer aus dem weißen Stoff und wickelte das Band langsam
auf.
Zärtlich fuhren ihre
Fingerspitzen über die roten Wölbungen, die von der sonst so glatten, blassen
Haut ihres Armes hervorstanden. Die Blutung hatte schon vor Stunden gestoppt
und die Verletzung heilte bereits.
Dann erregte etwas anderes ihre
Aufmerksamkeit und ihr Blick wand sich von der Wunde ab, nur um ihre linke
Schulter im Spiegel zu betrachten. Zwei Mullbinden waren um ihren Nacken
gezogen. Das Weiß war einer blutroten Mischung aus Blut und Eiter gewichen und
Buffy schluckte hart, als sie den Verband löste und den glatten Durchschuss
betrachtete.
Es war doch nur ein Traum.
Ein weiteres Mal schüttelte sie
ihren Kopf und öffnete die Duschkabine. Mit einer kurzen Bewegung drehte sie
das Wasser auf und die Kälte des Strahls ließ sie kurz zusammenzucken. Doch sie
gewöhnte sich schnell an die Temperatur und ließ ihren Kopf gegen die kalten
Fliesen fallen.
Das Wasser benetzte das eng anliegende weiße Shirt, das sie trug und ließ es
schwer an ihr herunterhängen. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und ihre Atmung
wurde schneller, als ihre linke Hand unter den dünnen Stoff ihres Slips
wanderte. Eine einzelne Träne lief aus ihrem Auge und blieb in ihrem Mundwinkel
hängen, wo sie einen unangenehm reellen salzigen Geschmack hinterließ.
Zitternd aber bestimmt glitt
ihr Zeigefinger in ihre Mitte und zwang sie ihren Körper gegen die vordere Wand
zu drücken. Ein Stöhnen entglitt ihr während sich ein heißkalter Schauer über
ihren halbnackten Körper zog. Ihr Mund presste sich angespannt gegen die
Kacheln und ihre Lippen öffneten sich einen Spalt. Ihre linke Hand streichelte
über ihren Bauch und übte Druck auf ihre linke Schulter aus, um die Verspannung
zu lösen.
Ihr Blick wandte sich wieder
auf den Spiegel und sie beobachte in der beschlagenen Oberfläche, wie ihr
Becken angespannt hin und her zuckte. Ihre Bewegungen wurden schneller. Hitze
und Kälte wechselten sich in einem ständigen Hin und Her ab.
„Er hat mich gebissen“,
wimmerte sie gegen die Kacheln und heiße Tränen rannen in Strömen über ihre
kalten Wangen.
Schweißgebadet und stöhnend
sackte sie in sich zusammen und ließ sich einfach gegen die gegenüberliegende
Wand fallen, um dann an ihr herunterzurutschen. Ein angenehmes aber
beängstigendes Gefühl der Ohnmacht überkam sie.
Erschöpft schloss sie die
Augen. Bilder schossen an ihr vorbei, schrille Farben und Lichter, Geräusche
und Gefühle. Nachdem diese langsam abgeklungen waren, öffnete sie langsam
wieder ihre Augen. Verwirrt sah sie auf den Duschkopf. Das Wasser war abgedreht
worden, doch als sie sich umsah war die einzige Bewegung im Raum das Schwanken der
Türe.
Ihr war kalt, langsam
verschränkte sie ihre Arme vor ihren Brüsten, wandte ihren Blick vom Spiegel ab
und drehte sich um. Dort war nichts, der Raum war leer.
Langsam stand sie auf und trat leicht wankend aus der Duschkabine. Vor einem
Regal blieb sie stehen und starrte auf die kleine Glasdose, in der Dawns
Badeperlen lagen. Sie starrte noch ein paar Sekunden auf den Behälter, bevor
sie ihn in die Hand nahm.
Sie lächelte bei der
Vorstellung wie sie die Dose in den Spiegel werfen könnte, um ihr eigenes
verzweifeltes Gesicht zerplatzen zu sehen. Wie es in einem lichtreflektierenden
Scherbenregen durch die Luft fliegen würde.
Doch sie stellte die Dose
langsam wieder hin und schüttelte über ihre eigenen Gedanken den Kopf, als sie
den Bademantel über ihren Körper zog und die Türe ganz aufmachte.
Das Haus war völlig still, als
sie über den Gang zu ihrem Zimmer ging. Giles war wohl schon gegangen, nachdem
sie ihn zuvor so im Regen stehen gelassen hatte.
Anstatt in ihr eigenes Zimmer
zu gehen, ging sie bis zum Ende des Flurs und warf einen Blick in Dawns Zimmer.
Die Bettdecke lag unangetastet auf ihrem Bett und auf selbigem lag einen
kleiner Zettel. Mit schief gelegtem Kopf ging sie darauf zu und seufzte, als
sie ihn wieder mit hinaus in den Flur nahm.
Ich übernachte bei Janett stand in feiner blauer Schrift
auf dem Papier und Buffy lächelte matt, bevor sie die Tür zu ihrem eigenen
Zimmer öffnete und die Notiz in ihrer Hand zusammendrückte, um sie dann in
ihren Papierkorb zu werfen.
Sie ging hinüber zu ihrem Bett
und zog die schwere, weiße Tagesdecke von der Matratze. Mit nachdenklichem
Blick setzte sie sich auf die Bettkante und sah aus dem Fenster, bevor sie die
Kordel des Mantels löste und die beiden Enden etwas auseinander zog. Die
abgekühlte Luft des vergangenen Tages legte sich auf ihre nasse Haut und sie
spreizte ihre Beine etwas, während sie sich seufzend durch die Haare strich.
„Wirklich nette Vorstellung,
Jägerin“, hörte sie ihn sagen und schnaufte zweimal tief bevor sie böse Blicke
in die linke Ecke des Raumes jagte. Ihn jetzt hier zu haben erschien ihr
absurd. Er machte die Geschehnisse des vergangenen Tages seltsam real. Es hatte
sich nichts geändert. Er kam wie jede Nacht in ihr Zimmer gestiegen wenn sie
nicht bei ihm aufgekreuzt war. Wie jeden Tag hatte sie das Fenster offen
gelassen obwohl sie ihn dann jedes Mal dennoch bat wieder zu gehen und sie
alleine zu lassen. Natürlich tat er das nie. Heute kamen ihr die Worte leichter
als sonst über die Lippen.
„Verschwinde“, raunte sie, als
er sich keinen Zentimeter bewegte und legte dabei ihr Gesicht in beide Hände.
Doch er zeigte keine Reaktion, so dass sie sich mit dem ganzen Oberkörper
umdrehte und mit ihrem rechten Arm bestimmend auf die Tür deutete.
„Du hattest deinen Spaß, Spike,
und jetzt hau’ ab. Ich will dich heute nicht hier haben“, fauchte sie und
konnte kaum glauben, wie überzeugend ihre Stimme heute dabei klang. Sie sah in
seine blauen Augen, als er von dem Stuhl in der Ecke aufstand und langsam auf
sie zulief. Er schien so als hätte er sie nicht einmal gehört. Mit zwei
kreisenden Bewegungen seiner Schultern fiel der schwarze Mantel zu Boden und er
kniete sich vor sie. Sein interessierter Blick fiel auf ihre Beine und er
spreizte sie noch ein wenig mehr, indem er mit seinen Händen gegen ihre Knie
drückte.
Kurzerhand
zog er ihr das klitschnasse Top über den Kopf und sie hob die Arme, als gäbe es
nichts Selbstverständlicheres als sich von ihm ausziehen zu lassen. Er sah ihr
dabei in die Augen, als würde ihr entblößter Oberkörper ihn in keinster Weise kümmern.
„Ich
hab’ gesagt du sollst gehen“, krächzte sie und wollte ihren Kopf zur Seite
drehen, doch er fing ihr Kinn noch im Ansatz der Bewegung ab, so dass sie ihn
ansehen musste.
„Du
bist verletzt“, stellte er fest und legte seinen Kopf schief, als seine Hände
zärtlich ihr Schlüsselbein berührten. Sie spürte, wie sich ihre Brustwarzen
zusammenzogen, sich seinen Händen neugierig entgegenreckten und atmete kurz
tief ein, bevor sie nickte.
„Tut
es noch weh?“, wollte er wissen, als seine rechte Hand die Wunde an ihrer
linken Schulter kurz berührte. Doch sie schüttelte nur den Kopf bevor sie an
sein Kinn fasste und sein Gesicht zu ihrem zog. Schnell presste sie ihre Lippen
auf seine und erzwang sich mit ihrer Zunge Einlass. Sie wollte dass er aufhörte
zu sprechen und Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten konnte und wollte.
Als
er ihren Slip nach unten streifte, landeten ihre Hände auf seinen Schultern, um
sich an ihnen hoch zu drücken. Wieder sah er ihr in die Augen, als er sein Hemd
auszog und seine Hose aufknöpfte.
Seine
Hände umfassten ihre Hüften und er zog sie zu sich nach oben, um sie ein paar
Schritte weiter zu lenken.
Als
er sie herumdrehte, stand sie dem hohen Spiegel an der Wand neben der Türe
gegenüber. Sie wollte sich umdrehen, doch er hob ihr Kinn und zwang sie damit
hineinzuschauen. Sie erblickte nur sich allein, nackt und ungeschützt. Sie
hatte nicht daran gedacht, dass er darin nicht reflektiert werden würde und
versuchte sich aus dieser seltsamen Situation zu befreien, doch er ließ es
nicht zu.
Seine
Hände legten sich auf ihre Taille und streichelten die weiche Haut. Sie starrte
in den Spiegel und beobachtete wie gelähmt, wie sich helle Spuren über ihren
Bauch zogen als er darüber strich. Sie wollte sich zu ihm herumdrehen, die Arme
um ihn legen und seinen Mund küssen, aber er hielt sie fest.
Stattdessen
zog er den Stuhl neben dem Spiegel dichter heran und hob ihren linken Fuß
darauf.
Sie
blickte starr in den Spiegel, denn sie wusste dass er sie ebenfalls direkt
ansah, als seine Handinnenfläche wie zufällig ihre Mitte streifte und er keine
Sekunde später zwei Finger in sie schob.
Mit
seinem Namen auf ihren Lippen legte sie ihre Arme hinter ihren und seinen Kopf
und ließ es geschehen. Sie spürte seine Erregung hinter sich und drückte ihr
Becken seufzend gegen seines. Sie zitterte und ihre Beine wurden weich, als
seine Bewegungen schneller wurden.
Ihre
linke Hand wanderte zu seiner und sie verkrampfte sich um sie. Es schmerzte,
sanft und wunderbar und sie war nicht mehr sie selbst, als er plötzlich inne
hielt. Und in dem Moment in dem sie die Augen aufschlug, sah sie geradewegs in
seine. Er nahm ihre Arme, hielt sie hinter ihrem Kopf fest und drang in sie
ein. Langsame, kräftige Stöße füllten sie aus und führten sie in einen Zustand
absoluter Willenlosigkeit.
Sein
Blick entließ sie nicht aus seiner Kontrolle, und als sie zu stöhnen begann und
sich in seinen Augen verlor, küsste er sie so zärtlich, dass sie ihn am
liebsten von sich gestoßen hätte. Sie hasste es wenn er sie so küsste. Sie
wollte es nicht. Nicht von ihm. Es
war wie ein stummes Ich liebe dich und
mehr als sie ertragen konnte.
Sie
schob ihre Zunge forsch in seinen Mund und zwang ihn dazu mitzuspielen. Wie
immer tat er es, drang noch einmal langsam in sie ein und festigte schließlich
seinen Griff um ihre Hüfte. Sie japste erschrocken auf als er sie kurzerhand
auf die Arme nahm und sie auf die unangetastete Bettdecke warf. Dann drehte er
sie mit einer schnellen Bewegung um und sie konnte ein wütendes Knurren aus
seiner Kehle hören als er sich wieder in ihr versenkte. Spike umfasste
ihre Taille, zog sie nach oben und stützte die andere Hand neben ihrer Schulter
ab. Seine Stirn ruhte jetzt auf ihrem Rücken und sie konnte seinen kalten Atem
gegen ihre Haut spüren. Es gab keine Sanftheit, keine Gnade.
Sie
stöhnte laut gegen die Bettdecke, verkrampfte ihre Finger im Laken und drückte
ihren Kopf in die Matratze. „Gebissen...“, hauchte sie und legte ihre Finger um
sein Handgelenk. „Er hat mich gebissen.“ Tränen flossen ihre Wange hinunter und
sie war sich sicher er hatte sie gehört, obwohl er nicht reagierte. Er raunte
und stieß hart in sie, bis nichts mehr existierte außer ihr lautes Keuchen und
die Hitze die ihn umgab. Bis sein gesamter Körper sich wie automatisch vor und
zurück bewegte. Bis der Raum um sie herum verschwand und nichts anderes mehr zu
hören war als das Aufeinanderprallen ihrer Körper und die heftigen Atemzüge
gegen ihre Haut.
„Gebissen“,
keuchte sie immer wieder. Ihre Stirn lag auf der Bettdecke, die Augen
geschlossen. Ein tiefes Stöhnen entrann ihrer Kehle und sie streckte ihre Hände
weit von sich, die Finger vergruben sich zitternd im Kopfkissen. „Oh Gott“,
wimmerte sie und ihr Rücken bäumte sich etwas auf. Seine Bewegungen wurden
ekstatisch und als sie ihre Augen aufriss konnte sie für einen Moment nichts
mehr sehen. Ihr Körper verkrampfte sich hart als ein langer Schrei über ihre
Lippen kam.
-
„Was ist passiert?“, fragte er, als ob nichts
gewesen wäre und küsste ihre gesunde Schulter einige Male, bevor er fast
unschuldig in ihre Augen sah.
„Das
geht dich nichts an“, antwortete sie um einiges weniger entschlossen, als sie
sich das gedacht hatte und als sie dann auch noch in seinen Armen zu Zittern
begann, hätte sie so einiges dafür gegeben wieder unsichtbar zu sein. Sie
verfluchte sich dafür jetzt mit ihm hier zu liegen. Schon wieder.
„Kannst
du nicht endlich gehen?“, fauchte sie nach einigen Minuten wütend und verdeckte
ihr Gesicht noch im selben Moment mit ihrem rechten Unterarm. Die Finger ihrer
linken Hand krallten sich dabei jedoch fest in seinen Rücken, nachdem sie sich
an seinen Oberkörper gepresst hatte und ihre Stirn krampfhaft in seine
Halsbeuge drückte.
„Wieso
machst du das mit mir“, wimmerte sie und kalte Tränen fielen auf seine Haut.
„Wieso lass’ ich das zu...“
Spike
starrte wie benommen auf ihren blonden Schopf und ließ seine Fingerkuppen ein
paar Mal behutsam durch ihre hellen Strähnen fahren. Seine Arme legten sich
fest um ihre Hüfte und er lockerte die Bettdecke etwas, so dass er sie über sie
legen konnte. Immer wieder kamen vereinzelte Silben über ihre Lippen, die ihn
zum Gehen aufforderten, doch mit jedem Wort hielt sie ihn etwas mehr fest und
Spike wagte es nicht etwas zu sagen, geschweige denn zu tun. Stattdessen
verharrte er still in seiner Position, bis sie letztendlich eingeschlafen war
und nur noch eine gleichmäßige Atmung die Stille ausfüllte.
Teil 4 - Verwandlung
Es
war kurz nach Mitternacht, als sie ein surrendes Geräusch aus ihren wirren
Träumen riss. Ihr Blick schoss unruhig durch die Dunkelheit und fixierte die
lila-weißen Striemen, die der Rollo frei ließ. Seine fast schon weißen Haare
erregten für einen Moment ihre Aufmerksamkeit und für einige, wenige Sekunden
verlor sie sich in den Erinnerungen daran, wie weich sie sich doch angefühlt
hatten. Tief ausatmend schüttelte sie ihren Kopf und strich sich einige
schweißnasse Strähnen aus dem Gesicht.
Verwirrt
starrte sie auf ihre Hände. Sie zitterten stark und sie konnte sie selbst mit
der größten Konzentration nicht davon abhalten. Ihr Mund fühlte sich seltsam pelzig
und trocken an und als sie aufstehen wollte, versagten ihre Füße in diesem
Moment so endgültig, dass sie mit einem lautstarken Knall auf die Holzlatten
fiel.
Mit
zusammengepressten Lippen robbte sie auf den Lichtschalter zu und als sie
diesen letztendlich umknipste, kniff sie die Augen zusammen, da das Licht
in ihren Augen einen unangenehmen Schmerz hinterließ.
Sie grub ihre Finger in den
Sessel neben der Tür und suchte Halt, als das Bild vor ihr endgültig
verschwamm. Sie umschlang ihre Beine mit ihren Armen und presste ihren Rücken
gegen die Wand, während sie ihre Augen immer wieder kurz aufriss, um zumindest
Umrisse wahrnehmen zu können. Ihre Haut begann an ihren Knien und Ellenbogen
heftig zu brennen und ihr Herz schlug so schnell, dass sie nach Luft schnappte.
Sie presste ihre Lider wieder zusammen, um all diesen Gefühlen so schnell wie
möglich Einhalt zu gebieten. Doch sie schaffte es nicht.
Das Brennen auf ihren Gelenken
breitete sich auf ihre Arme und Beine aus und mit einem schmerzerfüllten
Stöhnen griff sie nach der Türklinke.
Doch wider Erwarten fiel die
Tür dadurch nicht aus dem Schloss, sondern wurde stattdessen noch mehr in den
Rahmen gedrückt. Kalte Finger legten sich auf ihre und in der nebligen
Umrandung ihres Blickfeldes konnte sie sein Gesicht schemenartig erkennen.
„Wo willst du hin?“, hörte sie
ihn fragen und seine Stimme klang dabei so besorgt, dass sie am liebsten
schreien wollte. Sie konnte seine Fürsorge nicht ertragen. Schon gar nicht
jetzt, wo ihr ganzer Körper von innen heraus zu verbrennen schien. Ihre Augen
fixierten ihn voller Wut und sie gab ihm keine Möglichkeit zu reagieren, als
sie ihn mit beiden Handflächen zurückstieß.
„Verzieh dich endlich“, fauchte
sie und für eine Sekunde zuckte sie zusammen, bei dem Geräusch, das ihre Stimme
dabei verursachte. Doch sie konnte nicht lange bei diesem Gedanken verweilen,
als der Schmerz sich von ihrem Bein in ihre Zehen ausbreitete. Sie versuchte es
zu mindern, indem sie ihre Zehen zusammenzog, doch es wurde dadurch eher
schlimmer.
Blind
griff sie auf die Sitzfläche des Sessels und umfasste den Stoff eines schwarzen
Pullovers der darauf lag. Wieder umfasste sie den Türgriff und dieses Mal
öffnete sie sich. Keuchend zog sie sich den langen Rollkragenpullover über und
warf sich gegen das Treppengeländer, als sie aus ihrem Zimmer herausgelaufen
war.
Völlig
losgelöst von jeglichen vernünftigen Überlegungen stolperte sie die Stufen
hinab und riss mit einem Zug die Haustüre auf. Die kalte Nachtluft strömte in
ihr Gesicht und linderte den Schmerz. Zumindest für eine Sekunde. Dann schien
er mit verstärkter Intensität zurückzukehren und sie stieß einen Schrei aus,
der jedoch nur als krächzendes Würgen über ihre Lippen kam.
Ihre Hände
umschlossen ihren Oberkörper, als sie den Gehweg entlang rannte, kurz an der
nächsten Straße innehielt und einen Blick in beide Richtungen warf. Ihre Füße
trieben sie in die linke Richtung und je mehr Häuser an ihr vorüber zogen,
desto schneller wurde sie. Sie stoppte erst, als sie merkte, dass keine Gebäude
mehr in ihrer Nähe waren und stattdessen Bäume sich zu ihrer Linken und zu
ihrer Rechten auftaten. Sie war wieder im Wald.
Ihr Herz pochte und sie sank auf den Boden herab. Ihre Hände stützte sie zitternd auf dem Boden ab, während ihre Augen weit aufgerissen auf die dunkelbraune Erde starrten.
„Bitte...nicht...“, bewegten
sich ihre Lippen zu Worten, die niemand hören würde und als ihr Körper sich in
jeder erdenklichen Art verkrampfte, schrie sie so laut, wie ihre Stimmbänder es
ihr ermöglichten.
Ihre Augenlider pressten sich
stark zusammen und sie versuchte mit aller Macht den Schmerz auszublenden. So
viele Jahre hatte sie es mit Giles trainiert. Schmerz. Nur eine Empfindung wie
jede andere. Schmerz. Welch ein triviales Wort. Qual war vielleicht besser. Im
Normalfall bezeichnete man eine lebendige Häutung nicht als schmerzhaft.
Mit aller Kraft versuchte sie
auf allen Vieren zu bleiben, doch im nächsten Moment schien sie eine gewaltige
Energie auf den Boden zu drücken und sie fiel mit ausgestreckten Armen auf den
kalten Waldboden. Sie konnte fühlen, wie sich jeder einzelne Muskel in ihr
zusammenzog und in hektischen kurzen Stößen wieder auseinander dehnte.
Ihre Fingernägel krallten sich
in den erdigen Untergrund und füllten den Zwischenraum mit schwarzem Dreck.
Lautstark schnappte sie nach Luft und doch schien der nötige Sauerstoff es
nicht zu schaffen in ihre Lunge vorzudringen.
Ihr Kopf
dröhnte so laut, dass das Geräusch von außerhalb kommen musste, doch dem war
nicht so. Es war ein hoher, surrender Ton und er hallte und hallte immer wieder
in ihrem Gehörgang, wurde lauter, höher, stechender.
Langsam wurden ihre Hände
kraftlos, sie spürte den Boden nicht mehr, konnte nicht atmen, nicht sehen,
alles war verschwommen, verworren, vor ihr lag ein einziges Feld unerkennbarer
wässriger Punkte aus kaltem Schweiß und Tränen, bis sie schließlich endlich in
sich zusammensackte.
Sie regte sich keinen
Millimeter mehr, konnte es auch nicht. Ihre Augen waren wieder geöffnet und sie
spürte wie die wässrigen Punkte nach und nach verschwanden und sich in einem
riesigen, alles einnehmenden schwarzen Schleier wieder zusammensetzten, der ihr
den Schmerz der Verwandlung ersparte, indem er ihr langsam aber schließlich doch
ihr Augenlicht und letztendlich ihr Bewusstsein nahm.
Teil 5 – Instinkt
Ein plötzliches Geräusch weckte
sie auf. Instinktiv schnellte ihr Kopf nach oben und sie blickte zu allen
Seiten um zu sehen woher es gekommen war. Doch dort war nichts. Der Wald war in
ein farbloses Licht getaucht, viel heller als sonst. Wie durch ein
Nachtsichtgerät konnte sie jedes einzelne zerdrückte Blatt auf dem dunklen
Boden sehen, jede Ameise die durch das Dickicht kroch brannte sich in ihr
Gedächtnis. Sie senkte ihren Kopf wieder zwischen ihre Vorderbeine und lugte
durch ihre Wimpern auf den Boden vor sich.
Als sie ihre Nase auf den
kalten Waldboden drückte und einen tiefen Atemzug nahm erschauderte sie für
einen Moment unter der Vielfalt an Gerüchen. Sie roch alles. Der hölzerne Duft von frischer Rinde, das Aroma von einem
Beerenstrauch ganz in der Nähe und der Gestank von Abgasen von der nahe
gelegenen Hauptstraße. Sie schloss ihre Augen und inhalierte die kalte Nachtluft.
Etwas anderes schlich sich in den Vordergrund und zog sie beinahe sofort auf
die Beine.
Ihr Kopf blieb geduckt, die
Nase auf dem Boden und sie drehte sich zwei Mal um die eigene Achse bis sie
letztendlich stehen blieb und wieder aufsah. Ihre Hinterbeine drückten sich in
den erdigen Untergrund und bevor sie wusste wie ihr geschah rannte sie. Sie
wusste nicht was es war nachdem sie suchte, konnte es nicht identifizieren,
nicht zuordnen. Alles was sie wusste war, dass sie rennen musste, absolut keine
Wahl hatte. Sie musste einfach rennen so schnell sie konnte. Es gab keinen
Zweifel daran, keine Überlegungen, ihre Beine bewegten sich ohne dass sie
darüber nachgedacht hatte.
Es war wundervoll. Die
Sensation ohne Ziel und Sinn einfach nur zu rennen, so schnell wie es ihr der
eigene Körper erlaubte, war überwältigend. Die Ballen ihrer Pfoten drückten
sich kaum merklich in den Waldboden, ließen sie über den Untergrund schweben
und trieben sie voran. Die Luft, die ihr durch die schnelle Bewegung entgegenströmte
floss über ihren Körper hinweg als würde sie Spazieren gehen. Nichts hinderte
sie, kein Baum war im Weg, die Äste schienen sich von ihr weg zu biegen um ihr
Raum zu schaffen.
Dann traf sie dieser Duft
wieder und blockte alle anderen Empfindungen. Er war der Grund dafür gewesen,
dass sie überhaupt begonnen hatte zu rennen. Sie erinnerte sich daran, dass sie
ihn weit entfernt wahrgenommen hatte. Doch das was sie auf dem Boden gerochen
hatte war nur ein Bruchteil von dem, was ihr nun entgegenkam. Es war betörend,
berauschend und sie schloss ihre Augen für einen Moment um sich besser
konzentrieren zu können. Sie konnte den Ursprung dieses Geruchs nicht
ausmachen, er umgab sie von allen Seiten und vereinnahmte ihre Gedanken. Der
Duft lag schwer in der Luft, überall in der kleinen Lichtung und als sie nicht
weiter wusste, senkte sie ihren Kopf wieder zum Boden.
Automatisch schloss sie ihre
Augen und ließ ihre kühle, lederartige Nase über die vielen verdorrten Blätter
gleiten. Der Duft war hier am stärksten und sie wusste ohne nachzudenken, dass
der Kontakt mit dem Boden erst wenige Minuten vergangen war. Der Geruch bildete
einen Pfad zwischen den grünen Bodenpflanzen, schlängelte sich um dicke
Baumstämme immer weiter in den Wald hinein. Sie ging geduckt als sie sich
weiter bewegte, der Kopf bleib zum Boden geneigt. Hohe Büsche und Grashalme
boten ihr genug Sichtschutz, ohne sie selbst zu beeinträchtigen. Sie musste
nicht sehen, es war überflüssig. Sie hörte jedes noch so leise Geräusch in
ihrer Umgebung, keine Bewegung entging ihr.
Sie schlich durch das Dickicht,
kein Schritt verriet ihre Anwesenheit. Ihr Kopf entfernte sich etwas vom Boden,
die Spur zu verfolgen war nicht mehr nötig denn jetzt sah sie wonach sie
gesucht hatte. An einem kleinen Bach, der sich seinen Weg durch das Laub
gebahnt hatte stand ein Reh. Der Duft dem sie so lange gefolgt war lag wie ein
dichter Nebel um den schmalen Körper des Tieres und sie musste sich beherrschen
nicht direkt aus ihrer Deckung auszubrechen.
Stattdessen analysierte sie die
nähere Umgebung. Der schmale Fluss war tief genug, damit das Reh nicht nach
vorne fliehen konnte. Auf der östlichen Seite lag der Highway nach Los Angeles,
sie roch Spuren des Asphalts und Reste von Gummi auf der rauen Oberfläche. Es
wäre eine Sackgasse, selbst wenn ihre Beute schnell genug wäre um ihr zu
entkommen... und das würde sie nicht sein. Wenn sie es aber von hinten
attackieren würde, blieb ihm nur noch der Pfad aus dem sie zuvor gekommen war
als einzige Fluchtmöglichkeit. Es würde sie beide tief in den Wald
zurückführen, bevor sie an die Stadtgrenze kämen.
Perfekt.
Sie konnte ihr eigenes Herz in
ihrer Brust schlagen hören, als sie ihr Gewicht auf die Vorderpfoten verlagerte
und ihren Kopf weiter Richtung Boden senkte. Der Körper des Rehs versteifte
sich und es hob seinen Kopf, die Augen aufmerksam auf die Umgebung vor sich
gerichtet. Adrenalin rauschte durch ihre Glieder, ihre Hinterbeine waren
gestreckt und bereit sich mit voller Kraft abzudrücken.
Sie verweilte einen Augenblick
in dieser Position, die Krallen ihrer Vorderpfoten bohrten sich in den
trockenen Boden. Ihr Blick war auf die Hinterläufe des Tieres gerichtet und
ihre Augen kniffen sich gespannt zusammen. Dann raste ein Impuls durch ihren
Körper, die Muskeln ihrer Hinterbeine zogen sich blitzschnell zusammen, bevor
sie sich nach vorne warf.
Ihre Krallen bohrten sich in
den Bauch des Rehs und drückten es auf den Boden. Ein berauschendes Gefühl des
Triumphs durchfuhr sie und sie ließ ihr Opfer einige Sekunden wild hin und her
zucken, bevor sie ihren Kopf zu seinem Nacken senkte und ihre langen spitzen
Zähne in sein Fleisch bohrte. Heißes Blut durchströmte ihren Mund und sie
verlagerte ihr gesamtes Gewicht nach vorne um das Reh in seiner Position zu
halten. Dann zog sie ihren Kopf ruckartig zurück und riss dem Tier die Kehle
heraus. Sie spürte wie der Körper in ihrem Griff sofort schlaff wurde und auf
den Boden absackte, nachdem sie von ihm abgelassen hatte.
Sie ging einige Schritte zurück
und ließ sich vor dem Leichnam auf den Boden sinken. Ihre Nase blähte sich,
bevor sie ihre Zähne in die Seite des Tieres rammte und die Haut dort zerriss.
Der Duft von frischem Fleisch und heißem, pulsierendem Blut erfüllte sie und es
war unmöglich zu widerstehen. Ihre Reißzähne verfingen sich, bissen, zerrten
und zogen. Gierig schlang sie die ersten Bissen herunter, der Geschmack von
Salz und Eisen vermischte sich mit der zähen Konsistenz des Fleisches, doch es
kümmerte sie nicht. Es war als wäre sie dafür geschaffen und sie war nicht in
der Position das anzuzweifeln.
Nach einigen Minuten ließ sie
schließlich von dem ausgebeutetem Körper ab und setzte sich daneben. Ihre Augen
wanderten über ihr Fell, ihre Vorderbeine waren blutrot, ebenso ihre Brust und
der Hals. Sie hob ein Bein und ließ ihre rosane Zunge
über das seidige Blond gleiten. Mit einem tiefen Atemzug ließ sie sich auf den
Waldboden sinken und leckte aufmerksam jede rote Stelle ab, umkreiste ihr
Sprunggelenk und säuberte das überstehende Fell an ihren Pfoten.
Als sie sich dem rechten
Vorderbein widmen wollte, hörte sie ein Geräusch in ihrer Nähe. Ihr Kopf
schnellte nach oben und ihre Augen wanderten die Umgebung ab. Der Fluss hinter
ihr plätscherte ruhig vor sich hin, sie konnte das stetige Brummen eines
Automotors hören, das immer leiser wurde. Dann hörte sie Schritte und sie
wusste es war derselbe Klang der sie aufgeschreckt hatte. Sie kamen näher und
bevor sie überlegen konnte war sie bereits aufgestanden und lief zu einem
breiten Baumstamm, der von einigen kahlen Büschen umgeben war. Dort duckte sie
sich und blickte durch eine freie Stelle gerade aus. Sie spürte, dass jemand in
ihrer Nähe war, doch sie sah ihn nicht. Ihre grünen Augen schnellten hin und
her, prägten sich die schwarz-weiß Szenerie vor ihr
genauestens ein, doch nichts veränderte sich. Als sie ihren Kopf zum Boden
neigte und einen tiefen Atemzug nahm stieg ihr der Geruch von getragenem Leder
in die Nase.
Sie wusste nicht was es war,
das sie zwang sich zu bewegen, doch im nächsten Moment sprintete sie in die
Richtung aus der sie gekommen war. Der Duft hatte etwas in ihr ausgelöst, das
sie in diesem Moment nicht zuordnen konnte. Sie erinnerte sich an etwas doch
sie konnte es nicht in klaren Gedanken ausdrücken. Stattdessen rannte sie.
Ihre Pfoten bohrten sich in den
Untergrund. Sie war schneller als zuvor, geschickter. Sie wusste wozu ihr
Körper fähig war und sie trieb ihn bis ans Äußerste. Ihre Nackenhaare standen
nach oben und sie hörte ihr Herz gegen ihren Brustkorb hämmern. Sie wusste
nicht was mit ihr geschah, eine Emotion überkam sie, die sie nicht benennen
konnte. Ihr fehlte das richtige Wort.
Sie streckte ihre Beine weiter,
erhöhte den Abstand in denen sie auf dem Boden aufkamen und steigerte somit ihr
Tempo. Die Schritte, die ihr gefolgt waren wurden etwas leiser und zum ersten
Mal erlaubte sie es sich einen Blick über ihre Schulter zu werfen. Es war
nichts zu sehen, der Wald erschien völlig unberührt.
Nachdem sie ihre Aufmerksamkeit
wieder auf den Weg vor sich gerichtet hatte, stellte sie fest, dass sie an der
Stadtgrenze angekommen war. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich einmal um
die eigene Achse um ihre Umgebung zu betrachten. Sie war in einer Nebenstraße,
Mülltonnen standen an eine Hausmauer gelehnt und als sie einen kurzen Atemzug
nahm erschauderte sie unter den vielen verschiedenen Gerüchen.
Angewidert schüttelte sie ihren
Kopf und lief um das große Gebäude herum zur Hauptstraße. Das helle Licht der
Straßenlaternen warf ihre eigene Gestalt als bizarren Schatten auf den Gehsteig
und sie blieb für einen Moment stehen. Sie starrte auf ihre Silhouette, auf
ihren schmalen langen Körper und die zwei spitzen Ohren die von ihrem Kopf in
die Höhe ragten. Sie senkte ihren Kopf ein wenig und lief nahe an der Mauer
entlang über die Straße. Als sie an einer weiteren dunklen Nebenstraße
angekommen war hielt sie inne.
Für einen Moment drehte sie
sich um und überlegte zurück in den Wald zu gehen, doch bevor sie den Gedanken
in Betracht ziehen konnte, spürte sie eine Bewegung hinter sich. Blitzschnell
wirbelte sie herum, jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt und ein leises
Grollen durchschnitt die Stille. Ein hagerer Mann stand vor ihr, er hielt sich
mit einer Hand an der Backsteinmauer fest, die andere umklammerte eine eckige
Flasche.
Er sagte etwas, sie konnte
sehen wie sich seine Lippen bewegten, doch sie verstand ihn nicht. Ihre Beine
bewegten sich ein Stück zurück und sie senkte ihren Kopf tiefer. Ein Lächeln
kreuzte die Lippen des Mannes und als er die freie Hand nach ihr ausstreckte,
verwandelte sich das leise Geräusch in ein tiefes, bedrohliches Knurren. Er zog
seine Hand sofort zurück und ging einen Schritt von ihr Weg. Sie konnte sehen
wie sich seine Augen weiteten und ein seichter Geruch stieg in ihre Nase.
Plötzlich wusste sie wieder wie dieses Gefühl hieß, das
sie vor wenigen Minuten im Wald überfallen hatte.
Angst.
Sie hatte Angst gehabt.
Wie seltsam.
Der Mann sagte wieder etwas,
ein unverständliches Gemurmel drang an ihre Ohren aber sie konnte die Worte
nicht aufnehmen. Stattdessen knurrte sie wieder, dieses Mal lauter und der Mann
stolperte beinahe über seine zerrissenen Hosen. Als er sich panisch umdrehte
richtete sie sich auf und ihre Augen funkelten vorfreudig als er zu rennen
begann. Ein Gedanke schoss durch ihren Kopf, etwas schrie in ihr ihm nicht zu
folgen doch bevor sie genau wusste weshalb, lief sie ihm hinterher.
Es war eine Versuchung, die sie
nicht bekämpfen konnte. Wenn er rennt,
werde ich ihn verfolgen. Und dann wird er entweder mich töten, oder ich töte
ihn.
Ihre Bewegungen waren geduldig,
entspannt. Der Gedanke dass dieser betrunkene, alte Mann ihr entkommen würde
erschien ihr in diesem Moment beinahe lächerlich. Er hechtete in die nächste
Seitenstraße, seine Atmung war schnell und abgehakt und sie konnte seinen
rasenden Herzschlag hören. Der Geruch von Schweiß und Alkohol drang in ihre
Nase als sie ihm in die kleine Gasse folgte.
Sie blieb stehen nachdem sie
ihn gegen eine Mauer gelehnt vorfand. Er war in eine Sackgasse gerannt, ein
meterhohes Gitter versperrte den Fluchtweg. Wieder knurrte sie, dieses Mal
absichtlich um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das laute Geräusch verfehlte
ihre Wirkung nicht und als sie einige Schritte in die Seitenstraße hinein
gelaufen war, stand der Mann auf und presste sich mit dem Rücken in die hintere
linke Ecke an das Metallgitter. Die Flasche hatte er auf den Boden fallen
lassen und er hielt beide Hände schützend vor seinen Körper.
Einige Male lief sie hin und
her, verlor sich in seinem panischen Gesichtsausdruck und der
zusammengekauerten Haltung. Dann blieb sie wenige Meter vor ihm stehen und
senkte ihren Kopf. Ihre Vorderbeine beugten sich vorfreudig, während sie ihre
Hinterbeine wieder durchstreckte. Ein letzter Blick auf ihr Ziel, bevor sie
sich abdrückte und sprang.
Ein Knurren durchschnitt die
Stille und für einen Moment war sie sich nicht sicher ob es aus ihrem eigenen
Mund gekommen war. Dann wurde sie zur Seite gedrückt. Ein kalter Körper legte
sich mit voller Länge auf ihren Rücken und drückte sie zu Boden. Worte drangen
an ihr Ohr, eine tiefe ruhige Stimme redete auf sie ein, doch sie verstand
nicht. Ihr Blick war noch immer auf den Mann in der Ecke gerichtet und sie
fletschte ihre Zähne als er aufstand. Ein wütendes Grollen entwich ihrer Kehle
und sie versuchte sich aufzuraffen, als der Mann mit schockgeweiteten Augen an
ihr vorbei rannte und schließlich hinter der nächsten Hauswand verschwand.
Eine unkontrollierbare Wut durchflutete
jede Faser ihres Körpers und sie warf sich gegen den Körper auf ihrem Rücken.
Im ersten Moment gab er nicht nach, der Griff um ihren Rücken verstärkte sich
eher, doch als sie ihre Hinterbeine mit einer fließenden Bewegung ausstreckte
konnte sie das Gewicht vornüber von sich herunter werfen. Sie schüttelte ihren
Kopf zwei Mal bevor sie aufstand, doch in der Sekunde als sie ihren Blick hob,
trafen zwei eisblaue Augen auf ihre eigenen und sie erstarrte.
Teil 6 – Kollision
„Buffy.“ Er hob seine Hände
beschwichtigend, während er sich aufsetzte und sich schließlich einige Meter
vor sie hinkniete. Sie schüttelte ihren Kopf bevor sie aufstand und schließlich
zu ihm sah. Zwei tiefgrüne Augen begegneten seinem Blick und für einen Moment
war ihm so als hätte sie ihn erkannt. Sie bewegte sich nicht, starrte ihn
einfach nur an. Dann senkte sie ihren Kopf und ein tiefes Knurren kam aus ihrer
Kehle.
Er zog die Luft hastig zwischen
seinen Zähnen ein, völlig außer Atem von der Verfolgungsjagd durch den nahen
Wald. Er legte seine Hände flach auf den Boden vor sich und lehnte sich ein
wenig vor, als sie keine Anstalten machte sich zu bewegen.
„Buffy“, versuchte er es wieder
mit ihrem Namen und er streckte eine Hand nach ihr aus. Sofort machte sie einen
Satz zurück, ihre Augen kniffen sich misstrauisch zusammen als sie ihren Kopf
schief legte. Das orangene Licht der Straßenlaterne tauchte ihr helles Fell in
eine warme Farbe und ein kleines Lächeln zog sich über seine Lippen.
Selbst jetzt, in dieser
Situation war er überwältigt davon wie schön sie war. Natürlich nicht auf die
Art und Weise wie er sie sonst ansah, doch ihr goldenes Fell und ihre tiefen,
menschlichen Augen ließen keinen Zweifel daran wen er vor sich hatte. Auch ihr
Duft war derselbe. Sie roch noch immer nach diesem Vanilleshampoo, das sie am
Abend zuvor benutzt hatte. Sie duftete noch immer nach Buffy, nur dass ihm dazu
noch der Geruch von Blut und rohem Fleisch in die Nase stieg.
„Verstehst du mich Liebes?“,
fragte er ruhig, blieb dieses Mal jedoch still sitzen. Sie sah ihn aufmerksam
an, als würde sie ihn erkennen, ihn jedoch nicht zuordnen können. Er wusste
dass er für Tiere anders roch als Menschen. Natürlich hatte seine Kleidung
einen Eigengeruch wie bei jedem anderen, doch das Blut in seinem Körper war nur
geliehen, war nicht sein eigenes und sie roch das.
Als er sich aufraffte und einen
Schritt auf sie zuging, schreckte sie zurück und brachte wieder den gleichen
Abstand zwischen ihnen. Ihre Brust hob und senkte mit starken Atemzügen, ihre
Augen waren weit aufgerissen. Er spürte ihre Furcht und Verwirrung, hörte wie
hart ihr Herz schlug und wie schnell das Blut durch ihre Adern raste. Sie hatte
Angst. Buffy, das Mädchen mit dem Rückrat aus Stahl war starr vor Angst.
Und sie erkannte ihn nicht.
Bevor er überhaupt verstand was
er tat ging er in schnellen Schritten auf sie zu und legte seine rechte Hand
auf ihren Kopf. Ein schrilles Fiepen entwich ihrer Schnauze und sie schüttelte
ihren Kopf hart hin und her, während sie zurück taumelte.
„Nein!“, rief er und zog seine
Hand zurück. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie starrte ihn voller Panik
an. „Buffy, ich bin es. Spike. Erinnerst du dich an Spike?“
Kein Zeichen deutete darauf
hin, dass sie ihn verstanden hatte. Stattdessen knurrte sie nun laut, ihre
Ohren waren nach vorne gelegt, die Beine gebeugt als wollte sie jeden Moment
losrennen. Ihre grünen Augen waren glasig, es sah beinahe so aus als würde sie
weinen und es brach ihm sein untotes Herz.
„Nicht weglaufen“, bat er
sanft. „Bitte bleib hier.“
Nett fragen machte in diesem
Moment keinen großen Unterschied. Ohne ein Geräusch drehte sie um und rannte
davon, schnell und ohne zurück zu sehen. Er brauchte eine Sekunde um zu
begreifen, dass sie wirklich nicht anhalten oder langsamer rennen würde wie sie
es sonst immer tat. Sie wusste nicht wer er war, erkannte ihn nicht. Das
Einzige, das sie in diesem Augenblick wahrscheinlich begriff, war, dass er kein
Mensch war.
Er löste sich aus seiner Starre
und raste hinter ihr her. Die Straßen waren verlassen und als er aus der Gasse
heraus trat sah er nur noch einen blonden Farbschweif der hinter dem Gebäude
auf der anderen Straßenseite verschwand.
Spike seufzte tief und rannte
schneller, trieb seinen Körper über seine Grenzen. Er sprintete über die
Hauptstraße und folgte ihrem Duft als er an den Mülltonnen neben dem Bronze
vorbei kam. Er konnte sie nicht mehr sehen aber als die ersten hohen Tannen des
Waldes in sein Sichtfeld kamen, wusste er wo sie hingehen würde.
Er kannte sich mit Werwölfen
nicht sonderlich gut aus, hatte während seiner Existenz nur Zwei getroffen.
Einer war ein Mädchen damals in Prag gewesen, das er und Drusilla gejagt
hatten. Sie war noch jung gewesen, vielleicht vierzehn Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt
hatte er gedacht er hätte leichtes Spiel mit diesem kleinen, zierlichen Ding.
Er hatte sie etwas rennen lassen, gönnte sich ein wenig Spaß an der Verfolgung.
Und es war spaßig gewesen... bis sie sich verwandelt hatte.
Nun und der zweite Werwolf war
Oz gewesen. Zugegeben, er hatte den Jungen nicht wirklich gekannt. Als Oz in
Buffys Umgebung gewesen war hatte er sich einen feuchten Dreck um die Scoobies geschert. Nicht das er das heute täte.
Was er allerdings wusste war,
dass Werwölfe sich in ihren ersten Monaten an absolut nichts erinnerten, wenn
sie sich verwandelten. Das Tier in ihnen übernahm völlig die Kontrolle über den
Menschen, sie handelten nur aus Instinkt. Erst mit der Zeit, wenn der Mensch
das Wesen in sich akzeptiert hatte, wurde es leichter seine Handlungen zu
kontrollieren wenn man die Gestalt wechselte.
Doch es war erst ihre zweite
Nacht, wenn er richtig lag. Heute war Vollmond und sie war gestern gebissen
worden. Also wie sollte sie ihn von allen anderen Kreaturen der Nacht unterscheiden?
Wie sollte sie ihn erkennen, wenn in diesem Moment kein Teil von ihr wusste was
er tat?
Sie konnte nicht – und deshalb
rannte sie. In ihrer Welt war er ein unbekanntes Element und ihre Instinkte
sagten ihr sie sollte vor Unbekanntem wegrennen.
„Buffy!“ Er schrie ihren Namen
wieder und stolperte beinahe über seine eigenen Füße, als er sie für eine
Sekunde am Waldrand entlang rennen sah und er eine scharfe Kurve laufen musste.
„Buffy!“
Ihr blondes Fell erschien
wieder zwischen den Bäumen. Sie rannte mit harten, schnellen und doch ziellosen
Bewegungen. Sie drehte Kurven um Bäume, sprang über hohe Wurzeln und lief
wieder in eine andere Richtung. Sie tat ihr Bestes um ihn abzuhängen.
Er wusste sie war panisch. Er
wusste sie hatte Angst. Er konnte es selbst aus dieser Distanz spüren. Er
spürte es weil er es vor langer Zeit selbst einmal durchgemacht hatte -
Vollkommene und absolute Panik. Während den ersten Minuten nach seinem Erwachen
in seinem Sarg hatte es nichts anderes gegeben als absoluten Terror, nichts als
nackte Angst.
„Jägerin!“
Sie rannte an einem breiten
Flussufer entlang und er war nicht weit hinter ihr. Zwar war sie schneller als
er, aber sie konnte nicht ewig rennen. Jägerin, Werwolf, völlig egal, sie
konnte nicht ewig rennen.
Nicht wie ein Vampir.
Aber sie konnte ihn abhängen.
Ihre Angst trieb sie voran, sie rannte um ihr Leben. Er musste den Kopf
schütteln bei dem Gedanken, dass er sich jahrelang nichts sehnlicher gewünscht
hatte, als dass sie ihn fürchtete. Die Verkörperung von Pass auf was du dir wünscht in all seiner Pracht.
Jetzt hatte sie vor ihm Angst
und er hasste jede Sekunde. Natürlich hätte er sie auch einfach in Ruhe lassen
können, er könnte sie laufen lassen und darauf warten dass sie in ihrer
menschlichen Form wieder zurückkam. Aber er könnte es nicht ertragen wenn sie
jemanden in ihrer Wut und Verwirrung tötete und sich danach ein Leben lang
selbst hassen würde. Dazu liebte er sie zu sehr.
Der Fluss mündete an eine
Schleuse die unter dem Highway lag. Er zog noch einmal an, rannte weiter vom
Ufer weg, so dass sie nicht nach rechts ausbrechen könnte. Ihre schnellen,
fließenden Bewegungen kamen zu einem abrupten Halt als sie merkte, dass sie in
eine Sackgasse gerannt war. Sie drehte sich einige Male um die eigene Achse und
nach einigen Sekunden fanden ihre Augen seine. Er ließ seine Schritte langsamer
werden und stellte sich vor sie. Mit einem Knurren drehte sie sich wieder um,
sprang gegen die Mauer und rammte ihre Krallen in die Wand. Mit den
Hinterbeinen federte sie sich ab, versuchte sich an den Unebenheiten des
Pfeilers neben der Schleuse abzustützen, doch die Schwerkraft zog sie immer
wieder nach unten. Sie war in diesem Moment so weit von der Frau entfernt, die
er kannte. Das war nicht seine Jägerin. Doch er kannte sie. Er verstand sie so
gut wie keiner ihrer Freunde in diesen Tagen und er wusste dass sein Mädchen
irgendwo in diesem Wolf wartete.
Es war sein Fehler gewesen. Er
hätte früher handeln sollen, hätte wissen müssen dass sie sich heute wieder
verwandelte. Sie hatte es ihm erzählt, zwar nicht direkt, doch sie hatte
gewollt dass er es wusste. Und er hätte mit ihr reden müssen, ihr sagen sie
sollte sich anketten oder mit Rupert darüber reden. Er hätte über seinen
verdammten Stolz beiseite schieben sollen um mit ihr vor zwei Tagen zu
patrouillieren, damit sie niemals gebissen worden wäre. Er hätte...
Nein. Selbst wenn es ihn
innerlich zerbrach wusste er, dass es absolute keine Möglichkeit gegeben hatte,
die sie vor dem hier hätte bewahren können. Aber vielleicht hätte er es
erträglicher machen, oder sie in irgendeiner Weise darauf vorbereiten können.
Er schluckte hart, als sie sich
wieder zu ihm herumdrehte. Sie stand in der Ecke zwischen dem Flussufer und der
Schleuse unter der Autobahn. Er wusste er musste sich jetzt vorsichtig sein und
versuchen sie nicht noch weiter zu erschrecken.
„Buffy“, sagte er mit fester
Stimme und ging langsame, bedächtige Schritte auf sie zu. Ein tiefes
bedrohliches Knurren entwich ihrer Kehle und ihre Augen fokussierten ihn starr,
verfolgten jede seiner Bewegungen mit absoluter Aufmerksamkeit. „Es ist alles
gut, Buffy.“ Er drückte seine Hände beschwichtigend nach unten und setzte einen
Fuß vor den anderen. „Das geht vorüber, Liebes.“
Ihre Brust hob und senkte sich
in zähen Atemzügen, ihr Blick auf ihn fixiert. Dann sah sie an ihm vorbei,
analysierte die Umgebung hinter ihm. Sie wog ihre Chancen für ein erneutes
Rennen ab, das wusste er, aber er würde sie nicht weit kommen lassen. Er durfte
sie auf keinen Fall noch einmal rennen lassen. Der schwarze Himmel hatte sich
dunkelblau verfärbt und er wusste der Sonnenaufgang war nicht mehr weit.
Gerettet durch den Sonnenaufgang.
Ironie, dein Name ist Spike.
„Ich bin ein Freund.“ Die Worte
klangen falsch aus seinem Mund, aber er wusste nicht was er sonst sagen sollte.
Seine Stimme war ruhig und bedächtig, nur noch wenige Meter trennten ihn von
ihr. „Ich bring dich nach Hause.“ Er wusste nicht ob sie ihn überhaupt hörte,
ihre Augen suchten immer noch nach möglichen Fluchtwegen. „Der Krümel kommt in
ein paar Stunden zurück“, sprach er weiter. „Dawn?“, versuchte er es mit einem
anderen Namen, doch sie reagierte nicht. Da war kein Funke von Widererkennung
in ihren Augen. Er hätte genauso gut Ernie und Bert erwähnen können.
Stattdessen hatte sie ihre
Aufmerksamkeit nun auf ihr direktes Umfeld gelenkt, sah an sich herab und
starrte schließlich auf den reißenden Fluss. Sie dabei zu beobachten wie sie
ihre Optionen auf einem derart rudimentären Level abwog ließ ihn erschaudern.
Sie war die Jägerin und er wusste ihre Überlebensinstinkte waren makellos,
tödlich für jeden der es wagte sich ihr entgegen zu stellen. Er musste
vorsichtig vorgehen. Nur weil sie in diesem Zustand nicht wusste was er war, hieß nicht dass sie ihn
nicht zumindest schwer verletzen konnte.
Als er einen weiteren Schritt
nach vorne wagte, bläkte sie ihre Zähne und das
Knurren wurde lauter. Ihr Herz raste in ihrem Brustkorb, ihre Augen weit
aufgerissen und direkt auf ihn fixiert. Ihr Kopf senkte sich und er konnte
sehen wie ihre Beine vor Anstrengung zitterten.
„Lass mich dir helfen“, bat er
leise und kniete sich schließlich hin, nur noch eine Armlänge von ihrem Kopf
entfernt. Ihr Knurren kam nun in regelmäßigen Stößen über ihre Lippen, sie
zitterte am ganzen Körper und ihre Krallen bohrten sich tief in den festen,
erdigen Untergrund.
Doch als er seine Hand nach ihr
ausstreckte, löste sie sich aus ihrer Starre und sprang zur Seite. Er war für
einen Moment so überrascht, dass er sich zu spät zu ihr drehte. Seine Finger
fanden nur noch das Fell ihres Hinterlaufs und er zog daran ohne zu überlegen.
Ein hohes Fiepen zerschnitt die Stille und als er sich ganz zu ihr gewandt
hatte war es bereits zu spät. Sie drückte sich auf dem Boden ab und schmiss sich
auf ihn. Ihre Vorderpfoten drückten ihn auf den Boden, die langen schwarzen
Krallen bohrten sich durch sein Hemd in seinen Rücken.
Ein langer tiefer Schrei entkam
seinen Lippen, als sie ihre Pfoten nach unten zog und die Haut über seinem
Steißbein der Länge nach aufriss. Er neigte seinen Kopf zur Seite, seine Hände
fassten an ihre Schultern und er versuchte sie von sich herunter zu ziehen,
doch sie hatte ihre Klauen in ihm verhakt und hielt seine Beine mit ihrer
linken Wade gefangen. Als sie ihre Zähne zu seinem Hals neigte handelte er
instinktiv. Er rollte sich so weit zur Seite wie sie es ihm erlaubte und schlug
ihr mit dem linken Ellbogen direkt an die Schläfe. Sie bewegte sich nicht viel,
doch es genügte. Er beugte sein freies Bein nach vorne und drückte sich daran
hoch, so dass er sich auf sie werfen konnte.
Seine Finger klammerten sich um
das Fell an ihrem Hals und er drückte zu. Ihre Beine traten gegen ihn,
hämmerten gegen seinen Bauch und versuchten sich daran abzustützen, doch er
ließ nicht locker. Ihre Krallen durchschnitten seine Jeans einige Male,
zerfetzten den Stoff und rissen die Haut darunter auf.
Allmählich stoppte das Rütteln
und er ließ von ihr ab, als sie bewusstlos zu Boden ging. Ihr Brustkorb hob und
senkte sich stetig und er ließ sich mit einem tiefen Keuchen auf den Boden
neben ihr fallen. Sein Blick richtete sich in den Himmel, der inzwischen leicht
rötlich gefärbt war. Ein weiterer Frühlingstag. Er ließ seinen Kopf zur Seite
fallen und betrachtete den zierlichen Wolf an seiner Seite. Ihr seidiges Fell
stand in alle Richtungen ab und ihre Ohren waren etwas nach vorne geneigt. Mit
einem tiefen Seufzen rollte er sich herum und legte seine Hand auf ihre
Schnauze. Mit einem Lächeln auf den Lippen ließ er seinen Daumen über ihre Nase
fahren, umkreiste ihre Augen und strich über ihre Stirn.
Als er seine Finger über ihren
Kopf wandern lassen wollte zog sich das goldene Fell plötzlich zurück. Die
hellen, kurzen Haare unter seiner Hand wellten sich zu großen Locken, die über
ihr Gesicht fielen. Ihre Pfoten formten sich zu dünnen Fingern und das Fell auf
ihrem schlanken Körper zog sich völlig in ihrer blassen, glatten Haut zurück.
Er atmete tief ein und seine
Stirn runzelte sich nachdenklich, als er wieder einen Arm nach ihr ausstreckte
und die nackte Frau an seiner Seite nah zu sich zog. Er bettete ihren Kopf auf
seiner Schulter und ließ seine Finger über die weiche Haut ihres Unterarmes
gleiten. Seine Nase vergrub er in ihren Haaren und er lächelte etwas, als er
den bekannten Duft in seine Lunge sog. Vanilleshampoo. Buffy.
Teil 7 – Orientierung
Alles war schwarz. Pechschwarz.
Sie realisierte dass sie wach war, aber öffnete ihre Augen nicht. Zum einen
wollte sie sich nicht bewegen, wusste auch nicht ob sie es überhaupt konnte,
denn ihr Körper schien völlig steif zu sein. Sich nicht zu bewegen änderte
jedoch nichts an der Tatsache, dass die Muskeln unter ihrer Haut brannten als
hätte sie gerade einen sehr langen Marathon hinter sich gebracht.
Und dann war da noch die
Gewissheit, dass sie vollkommen nackt war. An einem anderen Ort oder Zeitpunkt
würde sie das nicht sonderlich kümmern, doch in diesem Augenblick, als ihr
Oberschenkel eine eiskalte glatte Fläche streifte, wusste sie dass dies eben
nicht einer dieser anderen Momente in ihrem Leben war.
Missmutig runzelte sie die
Stirn und versuchte sich die Erinnerungen des letzten Abends ins Gedächtnis
zurück zu rufen. Sie war im Keller aufgewacht, angekettet. Vage erinnerte sie
sich an eine einsilbige Unterhaltung mit ihrem Wächter nachdem er ihr die
Ketten abgenommen hatte. Sie hatte nicht sehr lange mit ihm geredet, ihn eher
abgewimmelt bevor sie duschen gegangen war. Ein Schauer lief ihren Rücken
hinunter bei dem Gedanken. Sie hatte geduscht, doch sie war nicht allein
gewesen. Er hatte sie beobachtet und dann in ihrem Zimmer auf sie gewartet.
Plötzlich wurde sie sich dem
Arm bewusst, der über ihrem Rücken lag. Kalte Finger ruhten auf ihrem
Steißbein. Als sie einen tiefen Atemzug nahm stieg ihr der Geruch von Leder und
Zigaretten in die Nase und schließlich öffnete sie beide Augen. Sie versuchte
sich nicht zu bewegen, wollte nicht dass er merkte dass sie aufgewacht war.
Stattdessen verharrte sie in ihrer Position und spähte unsicher in die
Dunkelheit. Nur ein schwaches, dumpfes Licht erhellte die steinernen Wände in
ihrem Blickfeld. Ihr linkes Bein war etwas weiter ausgestreckt und lag auf dem
grauen, kalten Boden statt auf dem ledernen Kleidungsstück, das unter ihrem
restlichen Körper ausgebreitet war. Als sie etwas weiter an sich herunter blickte,
sah sie ein schwarzes Hemd, das von ihrer Hüfte herab über ihren Beine lag. Es
war Spikes Hemd, der Geruch von Tabak und Whiskey war unverwechselbar.
Die Finger über ihrer Taille
bewegten sich plötzlich und hinterließen kalte Spuren auf ihrem Rücken. Hatte
er gemerkt, dass sie aufgewacht war? Sofort schloss sie ihre Augen wieder und
konzentrierte sich darauf ihre Atmung gleichmäßig wirken zu lassen. Sie war
noch nicht bereit dazu mit ihm zu reden. Nicht jetzt. Nicht wenn sie nicht
einmal wusste wie oder wann sie hier her gekommen war.
Leider schien ihm das völlig
egal zu sein.
„Ich weiß, dass du wach bist
Liebes.“ Seine Stimme war so nah, sie spürte seine Lippen direkt an ihrem Ohr.
„Dein Herz schlägt wie wild.“ Er ließ seine Finger nach oben wandern, über ihre
Wirbelsäule bis zu ihren Schulterblättern wo er einen Moment verweilte. Dann
umschloss er ihren Nacken mit der kompletten Handfläche und knetete die Haut
dort einige Sekunden. Ein leises Seufzen kam ungewollt über ihre Lippen und sie
konnte ihn leise lachen hören. „Dachte mir, dass du verspannt bist nach deinem
kleinen Ausflug gestern.“
Buffy öffnete ihre Augen mit
einem Stirnrunzeln und drehte ihren Kopf etwas zur Seite um ihn ansehen zu
können. Jedoch sandte schon die kleinste Bewegung schmerzhafte Impulse durch
ihren Oberkörper und sie biss mit einem tonlosen Stöhnen auf die Unterlippe.
Sie legte ihre Stirn für einige Sekunden auf die raue Oberfläche seines Mantels
bevor sie ihren Kopf nach rechts neigte und ihn ansah. Er lag direkt neben ihr,
sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Den Kopf hatte er auf
seinem Oberarm gebettet und den Mund zu einem kleinen Lächeln verzogen.
„Ausflug?“, brachte sie nach
einigen Minuten leise hervor und wandte ihren Blick wieder ab. Stattdessen
starrte sie auf den kahlen Steinboden unter ihm. Der schwarze Ledermantel lag
nur unter ihrem eigenen Körper, die langen Ärmel zu einem notdürftigen
Untergrund für ihren Kopf zusammengedrückt. Sie seufzte als er wieder leise
lachte und versuchte mit zusammengekniffenen Augen ihren Rücken
durchzustrecken. Vergeblich.
„Du erinnerst dich an gar
nichts, oder?“ Sie hörte sofort, dass die Frage rhetorisch war. Er wusste, dass sie sich nicht erinnern
konnte.
Wütend hob sie ihren Kopf
wieder und starrte ihn an. „Was hast du mit mir gemacht?“ Seine Mimik
veränderte sich sofort, wurde defensiv und verärgert. Er zog seine Augenbrauen
zusammen und starrte sie an, als hätte sie ihm soeben ohne Grund ins Gesicht
geschlagen. Er wusste ja gar nicht wie kurz er davor war, das wahr werden zu
lassen. Bei dem Gedanken fiel ihr Blick auf sein rechtes Auge. Es war noch
immer leicht angeschwollen von dieser Nacht in der Gasse neben der
Polizeistation vor einigen Tagen. Die Haut unter seinem Auge war stark gerötet
und hatte sich zu einer kleinen Beule verformt. Eine Gänsehaut zog sich über
ihren Rücken bei dem Gedanken, dass sie ihn ohne einen wirklichen Anlass
verprügelt hatte bis sein Gesicht nur noch eine blutige Masse gewesen war.
„Was ich gemacht habe?“, raunte er im nächsten Moment und winkelte
seinen rechten Arm an um seinen Kopf darauf zu stützen. „Ich hab’ deinen pelzigen kleinen Hintern gerettet als du draußen
herum spaziert bist und beinahe diesen Penner verdrückt hättest.“ Er zog eine
Augenbraue in die Höhe und studierte ihr Gesicht. Sie wusste nicht, wie sie in
diesem Moment drein schaute. Sie hatte ihn gehört aber verstand kein Wort von
dem was er gesagt hatte. Sie wollte es nicht verstehen, konnte es nicht. Noch
nicht.
Sie schluckte lautstark und zog
ihre Oberarme zu ihrem Körper um sich daran hoch drücken zu können. Ihr Rücken
protestierte mit einem stechenden Schmerz an der Wirbelsäule, als sie sich nach
oben dehnte, ihr Gewicht auf den Unterarmen verlagert. Ihre linke Hand griff
nach dem Kragen seines Mantels und zog ihn ebenfalls hoch, um ihre Brüste damit
zu verdecken. Im Augenwinkel sah sie, wie er sich auf den Rücken fallen ließ
und eine Hand auf seine Stirn legte. Er verharrte einen Moment in dieser
Position, bevor er sich mit einer fließenden Bewegung aufsetzte und die Hand
nach etwas ausstreckte. Für einen Moment dachte sie, er wollte sich mit ihr
abstützen um aufzustehen, doch dann waren seine Finger an ihrem Hintern.
„Hey!“, rief sie und riss ihren
Kopf herum um über ihre Schulter gucken zu können. Zuerst konnte sie nur seinen
Rücken sehen, doch als er seinen Kopf zur Seite neigte entdeckte sie ein
kleines Grinsen auf seinen weißen Lippen. Seine Finger wanderten von ihrem Po
weiter herab, über ihren Oberschenkel und nach einigen Sekunden schob er ungeniert
zwei Finger unter ihr Bein. „Hör auf“, zischte sie und rutschte ein wenig zur
Seite.
Er lachte leise, zog seine Hand
nach einigen Sekunden wieder zurück und hob sie hoch, eine Zigarettenschachtel
zwischen den beiden Fingern. „Weißt du Buffy“, sagte er mit einem amüsierten
Tonfall, während er das Päckchen öffnete und sich eine Zigarette zwischen die
Lippen steckte. „Man sollte wirklich meinen du würdest nach den letzten Wochen
endlich aufhören so zu tun als würde ich dich nicht nackt kennen.“ Er
schüttelte den Kopf, seine rechte Hand fuhr durch seine Haare und verweilte
schließlich an seinem Nacken. Dann beugte er sich etwas zur Seite und als er
seine schwarze Jeans zu sich zog wurde ihr zum ersten Mal bewusst dass auch er
nichts anhatte.
Er zog das kleine silberne
Zippo aus der Hosentasche und entflammte den Tabak mit einer kurzen Bewegung.
Mit einem leisen Seufzen drückte er seine Schultern nach hinten und streckte
sich danach mit beiden Armen nach oben, den Rauch in einer kegelförmigen Säule
in Richtung Decke ausatmend. Dann winkelte er sein rechtes Bein an und drehte
sich zu ihr um, den Rücken gegen die graue Felswand gelehnt.
Sie wandte ihren Blick sofort
ab, fühlte sich so nackt wie sie nun einmal war und zog den Mantel mit sich,
als sie versuchte sich etwas weiter aufzusetzen. Natürlich wusste sie, dass er
darauf wartete, dass sie diese eine Frage stellte, die ihr schon seit Minuten
auf der Zunge brannte. Sie wusste auch, dass es unvermeidbar war sich damit
auseinanderzusetzen wie sie hier hergekommen war oder warum sie sich an absolut
nichts erinnern konnte. Doch sie zweifelte daran, dass sie schon bereit war die
Worte zu hören, die ihrem Leben wie sie es kannte ein abruptes Ende setzen
würden. Sie hatte es in Oz’s Gesicht gesehen, als er
am Tag nach Vollmond in die Bibliothek gekommen war. Natürlich wusste sie was
auf sie zukommen würde, doch wenn er es jetzt sagte, würde er jegliche
Hoffnungen, dass sie sich vielleicht doch irrte zunichte machen.
„Willst du nicht wissen was
heute Nacht passiert ist?“, wusste er natürlich wie immer genau was in ihr
vorging und er lehnte seinen Kopf gegen die Wand hinter sich, während er einen
tiefen Zug von der Zigarette nahm. Mit einem leisen Seufzen sah sie wieder zu
ihm auf, das Gesicht emotionslos und ausgelaugt. Sie senkte ihre Schultern und
starrte ihn für einige Sekunden einfach nur an, bevor sie langsam den Kopf
schüttelte.
Er hielt ihren Blick, doch
seine Gesichtszüge verzogen sich angestrengt. Seine Stirn runzelte sich und er
verspannte den Kiefer bis seine markanten Wangenknochen deutlich zum Vorschein
kamen. Für einen Moment sah er sie einfach nur an, besorgt, nachdenklich. Dann
streckte er den linken Arm nach ihr aus und legte seine Hand auf ihre nackte
Schulter. „Buffy, du...“
„Nicht“, bat sie leise und sie
spürte wie sich Tränen zwischen ihren Wimpern sammelten. „Bitte Spike, sag es
nicht.“
Mit einem leisen Keuchen
streckte sie beide Arme durch und winkelte ihre Beine an um sich aufzusetzen.
Ihre Muskeln verkrampften sich noch immer bei jeder noch so kleinen Bewegung
und ihre Beine fühlten sich wie abgestorben an.
„Okay.“ Seine Stimme hatte
jeglichen Ausdruck verloren und als sie zu ihm aufsah, hatte er seinen Kopf
gesenkt.
„Okay?“, fragte sie, ehrlich
erstaunt. „Keine Schadenfreude, kein schnippischer Kommentar?“ Als er mit einem
verwirrten Gesichtsausdruck wieder aufblickte verzog sie ihren Mund angespannt
und strich sich mit der rechten Hand selbst über die Schulter. „Du findest das
alles doch sicher unglaublich praktisch“, fuhr sie nach einigen Sekunden fort.
„Das wolltest du doch oder? Du und ich in der Dunkelheit, ohne meine Freunde,
ohne Dawn.“ Sie lächelte bitter, während sie die Haut an ihrem Nacken fest
zusammen zog. „Nun, herzlichen Glückwunsch, ich...“
„Hast du jetzt völlig deinen
Verstand verloren?“, rief er laut und sah sie aus zusammengekniffenen Augen
wütend an. „Glaubst du wirklich ich wollte das?“ Nach einem letzten Zug schmiss
er den Zigarettenstummel zur Seite und presste seine Hände links und rechts von
seiner Hüfte auf den Boden. Mit einer fließenden Bewegung stand er auf und
griff nach seiner Hose.
Sie spürte wie ihr Kinn kaum
merklich zu zittern begann, als er den Reißverschluss der Jeans zuzog und sich
mit einem dumpfen Geräusch vor sie kniete. Er legte seinen Daumen an ihr Kinn
und zwang sie ihn anzusehen. Es machte die Dinge für gewöhnlich erträglicher
wenn sie ihre Wut auf ihn projizieren konnte, doch er machte es ihr so schwer
wenn er sie mit diesem Blick ansah. „Was ich im Bronze gesagt hab’, hat mit dem
hier absolut nichts zu tun“, sagte er leise und legte seine Hand auf ihre
Wange. Seine Finger fanden eine lose Haarsträhne und schoben sie zurück hinter
ihr Ohr. „Ich würde mir so etwas niemals wünschen.“
Eine Träne hing schwer an ihren
unteren, kurzen Wimpern und als sie sich schließlich ihren Weg über ihre Wange
bahnte, zog er seine Augenbrauen mit einem tiefen Atemzug traurig zusammen.
„Buffy...“
Ein Schluchzen entwich
ungewollt ihren Lippen und sie legte sofort die linke Hand auf ihren Mund. Sie
schüttelte ihren Kopf und wollte sich weg drehen, doch seine andere Hand
umfasste ihre Schulter und hielt ihren Oberkörper an Ort und Stelle. „Wieso
ich?“, fragte sie ohne auf eine Antwort zu hoffen. „Wieso passiert so was immer
mir?“
Er sagte nichts, sah sie
einfach nur an, der Blick voller Sorge und Mitgefühl.
Sie hasste es.
Ihre Hände legten sich auf
seine nackte Brust und sie senkte ihren Kopf, als er sie zu sich zog. Ohne
darüber nachzudenken drückte sie ihre Stirn in seine Halsbeuge und schloss die
Augen als ein Schauer ihren Körper durchfuhr. Sie spürte wie er einen Arm fest
um ihren Oberkörper schlang, die andere Hand legte er in ihren Nacken und ließ
seine Finger über ihre Kopfhaut wandern.
„Oh Gott Spike, ich komm doch
gerade mal so durch den Tag“, schnaubte sie gegen die kalte Haut seines Halses.
„Dawn hasst mich und meine Freunde sehen mich an als könnte ich jedem Moment
den Verstand verlieren. Ich weiß nicht wie ich jetzt das noch schaffen soll.“ Ein weiterer Impuls rann durch ihren
Körper und als er einen Kuss auf ihre linke Schulter hauchte, verlor sie sich.
Tiefe Schauer durchfuhren ihre Glieder und sie krallte ihre Fingernägel fest in
seine Brust. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, sie fielen hart
gegen sein Schlüsselbein und benetzten seine blasse Haut.
Er sagte nichts, kein Wort
drang über seine Lippen. Stattdessen hielt er sie einfach fest und ließ sie die
Welt für ihre Ungerechtigkeit verdammen. Sie presste sich an seinen Körper, der
Mantel lag vergessen auf dem Boden. Immer wieder verteilte er sanfte Küsse auf
ihrer Schulter, strich beruhigend durch ihre Haare und verstärkte seinen Griff
um sie, wenn ihr Körper drohte durch das krampfhafte Zucken nachzugeben. Langsam
zog sie ihre Fingernägel von seiner Haut weg, nur kleine rote Halbmonde blieben
auf seiner Brust zurück. Stattdessen legte sie ihre Hände in seinen Nacken und
ließ ihre Fingerkuppen durch seine zerzausten Haare gleiten. Sie konnte ihn
gegen ihr Ohr seufzen hören, bevor er ihren Namen flüsterte und seinen Kopf
wenige Sekunden später etwas zurück zog um sie ansehen zu können.
Er sah so traurig aus. Beinahe verloren, wie er vor ihr kniete und sie
anstarrte. Sie konnte sehen wie er nachdachte, seine Pupillen wanderten hin und
her über ihr Gesicht und es dauerte einige Minuten bis er schließlich ihrem
Blick mit einem weiteren Seufzen begegnete. „Es ist nur noch eine Nacht,
richtig?“
Für einen kurzen seligen Moment
musste sie überlegen was er meinte, doch dann erinnerte sie sich und senkte
ihren Blick automatisch. Der Tag nach Vollmond. Die letzte Verwandlung.
Zumindest für einen Monat. Sie spürte wie sie kaum merklich nickte und neigte
sich etwas gegen seine Berührung, als er wieder über ihre Wange strich. Es entstand
eine kleine Pause und sie konnte im Augenwinkel sehen, wie er sich auf die
Unterlippe bis, während er zur Seite blickte.
„Wir haben noch knappe vier
Stunden bis Sonnenuntergang“, murmelte er schließlich und ließ seine Hand an
seiner Seite herunter fallen. Mit geweitetem Blick griff sie nach dem Mantel
neben ihrem Knie und zog ihn hoch, als er sich zurück lehnte und sie aus seiner
Umarmung entließ. Für einen flüchtigen Moment beobachtete er was sie machte und
sie glaubte zu sehen wie er die Augen rollte, doch dann wandte er sich von ihr
ab indem er aufstand. „Am besten du holst ein paar Sachen und sagst deinen
Leuten, dass du heute Nacht beschäftigt sein wirst.“ Er runzelte seine Stirn
und strich sich über den Nacken. „Na ja, vielleicht sagst du es ein wenig
anders“, überlegte er leiser und schob sein Kinn etwas nach vorne, als er sich
durch die Haare fuhr.
Buffy starrte ihn für einen
Moment einfach nur an, dann lächelte sie. Es war wie eine Naturgewalt, nicht
aufzuhalten und als er sich zu ihr herumdrehte biss sie sich auf die Backen, um
es zu verstecken.
„Was?“, half das natürlich
herzlich wenig und als er sie musterte und ihre Gesichtszüge analysierte, zog
er seine vernarbte Augenbraue in die Höhe. „Lachst du über mich?“
Sie versuchte ihre Mimik zu
korrigieren und schüttelte ihren Kopf, während sie den Mantel etwas zur Seite
zog um einen Ärmel frei zu legen. Sie setzte sich zurück auf den Höhlenboden
und legte den freien Arm vor ihre Brust, während sie in den Ledermantel
schlupfte. Nachdem sie ihn zugezogen hatte blickte sie wieder zu ihm auf und
sah in zwei funkelnde Augen, die sie voller Ehrfurcht anstarrten.
Sie runzelte ihre Stirn und
verzog ihren Mund. „Was?“
Doch er winkte sie nur mit
einer Hand ab und griff nach seinem Hemd. Als sie ihre Hände in die Hüfte
stützte lachte er leise und lugte über seine Schulter zu ihr zurück. „Ich
wusste immer, dass du in dem Ding verflucht heiß aussehen würdest, Jägerin.“ Er
hockte sich vor sie und ließ eine Hand wie zufällig über ihren nackten
Oberschenkel streifen, der zwischen den Mantelenden herausragte. Sein Blick
fand ihren und er verzog seine Lippen zu einem kleinen Grinsen. „Vor allem wenn
du darunter nichts anhast.“
„Schwein.“ murmelte sie und
rollte die Augen, während sie die Vorderseite zuknöpfte.
„Und du wälzt dich gerne mit
mir im Schlamm“, gluckste er, sah sie jedoch nicht mehr an und zog sich
stattdessen das Hemd über. Er hob die kleine Zigarettenpackung auf und drückte
sie in seine vordere Hosentasche, bevor er sich wieder zu ihr wandte. „Kannst
du aufstehen?“
Sie schnaufte tief und sah auf
ihre angewinkelten Beine. Dann stützte sie ihre Handflächen auf dem Boden unter
sich ab und verlagerte ihr Gewicht darauf. Er war sofort neben ihr und zog
einen Arm um ihre Taille um sie daran hochzuziehen. Als sie ihre Fußsohlen auf
den Boden drückte zuckte sie kurz zusammen und stützte eine Hand auf seiner
Schulter ab um ihr Gleichgewicht zu halten. Sie verzog ihr Gesicht angestrengt
und wippte einige Male zwischen Zehen und Ballen hin und her, bis sie von ihm
abließ. Mit einem leisen Seufzen senkte sie ihre Schultern, bevor sie sich mit
der linken Hand einige Haare aus dem Blickfeld strich.
„Ich bin viel gerannt oder?“
Sie hörte ihre Stimme selbst kaum, doch als er verwundert aufblickte wusste
sie, dass er sie gehört hatte.
Er lächelte etwas und legte
seinen Kopf schief. „Die ganze Nacht. Drei Mal vom Bronze bis zur
Wasserschleuse am Highway.“ Ein leises Lachen trat über seine Lippen, als sich
ihr Mund einen Spalt öffnete und sie ihn etwas geschockt anstarrte. „Du hattest
dieses kleine Reh-“
Sofort hob sie einen Finger und
riss ihre Augen auf. „Nicht.“ Ihr Blick fiel auf eine Stelle neben ihm und sie
legte ihre linke Hand mit einem gequälten Ausdruck auf ihren Bauch. „Oh
Gott...“
Wieder lachte er und ging auf
sie zu, legte einen Arm unter ihre Achseln um sie abzustützen. Sie setzte
vorsichtig einen Fuß nach vorne und war erleichtert, als das Brennen ihrer
Muskeln langsam nachließ. Er hob sie kurzerhand einige Zentimeter über den
Boden, als sie an einem kleinen Felsvorsprung ankamen und nachdem sie um die
nächste Ecke gelaufen waren, strömten ihnen helle Sonnenstrahlen entgegen. Kurz
kniff sie ihre Augen zusammen um sich an das Tageslicht zu gewöhnen. Spikes Arm
war noch immer um ihren Rücken gelegt, doch er war einen Schritt zurückgetreten
und als sie sich zu ihm herumdrehte sah er sie entschuldigend an.
„Schätze nach Hause musst du
allein gehen, Liebes“, sagte er mit einem Blick in Richtung Höhlenausgang und griff
in seine Hosentasche. Buffy nickte etwas und vergrub ihre Hände mit einem
tiefen Atemzug im Mantel.
Nachdem er die Zigarette
angezündet hatte sah er sie mit einem kleinen Lächeln an und strich ihr mit den
Fingern seiner rechten Hand über die warme Wange. „Komm vor Sonnenuntergang in
die Gruft, in Ordnung?“ Sie zog ihre Augenbrauen unruhig zusammen und nickte
wieder. Der Gedanke an die kommende Nacht hinterließ eine seichte Gänsehaut auf
ihrem Rücken und sie erschauderte etwas, als sie seine kühle Hand in ihrem
Nacken spürte. Dann blickte sie wieder auf und starrte direkt in zwei blaue
Augen, die sie wissend musterten. „Es ist nur noch eine Nacht, Buffy. Deine
Freunde brauchen es nicht zu erfahren, wenn du nicht willst.“
Ein Lächeln zog sich über ihren
Mund und sie legte ihren Kopf schief. Für einen kleinen Moment sah sie ihn
einfach nur an, verlor sich in seinem intensiven Blick und vergaß die Welt um
sich herum. Dann reckte sie ihren Hals ein wenig und legte ihre Lippen auf
seine. Er schloss seine Augen nicht, sah sie vielmehr an als wäre sie nicht
echt, nur ein Trugbild. Einen Augenblick lang verstand sie diesen Blick nicht.
Sie hatten sich schon viele Male geküsst und noch ganz andere Sachen
miteinander angestellt. Aber dann belehrte sie sich eines Besseren und schenkte
ihm ein warmes Lächeln. Sie wusste, dass Zärtlichkeit nie ein Faktor zwischen
ihnen gewesen war. Niemals. Bis heute.
Mit einem letzten Blick drehte
sie sich um und stützte ihre linke Hand an der Felswand ab, während sie langsam
zum Höhlenausgang lief. Das Sonnenlicht benetzte ihre Haut mit grellen Strahlen
und ließ sie kurz zusammenzucken. Bevor sie einen Fuß auf den Waldboden setzte,
blieb sie jedoch stehen. Ihr Kopf neigte sich zur Seite, sie sah jedoch nicht
zurück. „Danke Spike.“
Teil 8
– Offenbarungen
Sie wusste ehrlich nicht mehr wie lange sie
schon hier stand, hinter seinem Baum,
im Schatten. Bei dem Gedanken zog sie den Mantel noch etwas weiter um ihren
Körper, legte ihre Hände auf den breiten Kragen und senkte den Blick. Mit einem
Seufzen lehnte sie sich gegen den Stamm und ließ ihre Fingerkuppen über das
glatte Leder wandern. Sie umfuhr angeraute Stellen und abgetragene Kanten und
verlor sich für einen Moment in den Möglichkeiten, die zu dem allmählichen
Verschleiß geführt haben könnten... in den Bildern, die dieses Kleidungsstück
womöglich bereits gesehen hatte.
Ein Lichtstrahl fiel durch die grünen
Blätter des Baumes, traf in ihre halbgeöffneten Augen und sie spähte zum
Himmel. Die Sonne war bereits gefährlich weit in den Westen gewandert, das
strahlende Mittagslicht fiel nur noch gedämpft auf den Boden.
Anfangs hatte sie einfach nur überlegt was
sie zu ihren Freunden sagen sollte. Dass sie die ganze Nacht über weg gewesen
war, war wahrscheinlich nicht einmal jemandem aufgefallen. Dass sie völlig
nackt, nur in Spikes Mantel eingewickelt durch die Tür kommen würde, war
dagegen eine ganz andere Sache. Wieder seufzte sie, zog abwesend an den langen
Ärmeln und stülpte sie über ihre Fingerspitzen.
Da sie wirklich nicht wusste, was sie ihnen
erzählen sollte, hatte sie beschlossen zu warten, bis sich die kleine
Versammlung in ihrem Wohnzimmer aufgelöst hatte. Statt zu ihren Freunden zu
gehen und mit ihnen zu reden hatte sie sich versteckt.
Hinter seinem
Baum.
Im Schatten.
In einem anderen Moment hätte sie sicher
über die Ironie dieses Wendepunkts lachen können.
Und doch, an dieser Stelle, konnte sie sich
beinahe vorstellen, wie er sich immer gefühlt haben musste wenn er sie unter
diesem Baum beobachtet hatte. Einsam. Ausgeschlossen. Wütend. Vermutlich hatte
er sich selbst dafür gehasst, dass er auf dieses Level gesunken war, um ihr
nahe zu sein. Zum ersten Mal, seit er ihr seine Liebe gestanden hatte, konnte
sie verstehen, was es mit der Zeit aus einem machte im Abseits zu stehen. Sie
ließ einen geräuschvollen Atemzug über ihre Lippen wandern, als sie ihre rechte
Hand auf die trockene Rinde des Baumstammes legte und nachdenklich darüber
strich. Ihr Blick war nach unten gerichtet, auf den erdigen Untergrund, wo vier
eingedrückte Zigarettenfilter lagen. Ohne zu wissen wieso, beugte sie sich
etwas nach vorne und streckte ihren Zeigefinger nach einem der beigen Rollen
aus.
„Buffy?“ Sie erstarrte sofort in ihrer
Bewegung und schloss die Augen gequält. Unbewusst hielt sie ihren Atem an und
runzelte die Stirn, als ob sie, wenn sie es sich nur genug wünschen würde,
einfach wieder unsichtbar sein könnte.
„Ist das Spikes Mantel?“ Der schrille Unterton in
der Stimme ihrer Schwester war nicht zu überhören und für einen Moment war sie
sich nicht sicher ob es Unglaube oder Aufregung war, die ihn verursachten.
Mit einem tiefen Seufzen ließ sie ihre
Schultern sinken, drehte sich jedoch nicht zum Gehsteig um. Sie zog mit ihrer
linken Hand die oberen Enden des Mantels zusammen und sah missmutig an sich
herunter, bevor sie kaum merklich nickte. „Hör zu Dawn, es ist nicht...“
„Bist du nackt?“ Innerhalb dieser drei
Worte wurde der piepsige Unterton zum einzigen
Ton in der Stimme ihrer Schwester. Buffy ließ ihre Unterlippe unter ihren
Schneidezähnen hin und her wandern und atmete tief ein, bevor sie sich
letztendlich umdrehte.
Sie starrte Dawn für einen Moment einfach
nur an, während sie versuchte ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu
bekommen. „Es ist wirklich nicht...“
„Oh mein Gott, du bist nackt. In Spikes
Mantel.“ Der Blick des braunhaarigen Mädchens haftete an ihren Waden, die aus
dem schwarzen Leder herauslugten und Buffy gab mit einem Seufzen dem Drang nach
ihre Beine zu überkreuzen.
„Da war dieser Dämon und...“
„Buffy? Da bist du ja endlich.“ Dieses Mal
kam die Stimme von der Haustüre einige Meter hinter ihr. Mit einem leisen
Wimmern ließ sie ihren Kopf in den Nacken fallen und starrte in den hellblauen
Himmel. Nur wenige Wolken störten das Bild vom perfekten Frühlingswetter. Es
hätte ein wirklich schöner Tag werden können.
„Ist das Spikes
Mantel?“ Ein leises Lachen trat ungewollt über ihre Lippen bei dem Gedanken,
dass die Stimme ihres Wächters in diesem Augenblick beinahe noch schriller
klang als die ihrer kleinen Schwester. Sie vergrub eine Hand in den Taschen des
Mantels, die andere hielt noch immer den Kragen zusammen. Kurz blickte sie zu
Dawn, bevor sie um den Baum herum lief und mit gesenktem Kopf zur Haustüre
lief.
Geradewegs
in die Schlachtbank.
Giles ging einen Schritt zur Seite, als sie
einen Moment lang vor ihm stehen blieb. Im Augenwinkel sah sie wie er sich
seine Brille von der Nase zog und eine Augenbraue in die Höhe zog. „Buffy.“ Mit
einem geräuschvollen Seufzen blieb sie stehen, den Rücken zu ihrem Wächter. Im
Wohnzimmer konnte sie sehen, wie Willow und Xander sich vom Sofa erhoben und
sie ebenfalls anstarrten.
Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so
nackt gefühlt.
„Da war dieser Dämon“, sagte sie nach
einigen Sekunden und war selbst erstaunt, wie fest ihre Stimme dabei klang.
„Spike hat mir seinen Mantel geliehen, weil meine Kleider ruiniert waren.“ Es
klang sogar in ihren Ohren unglaubwürdig. Umso erstaunlicher war es, dass sich
Xanders Schultern sofort mit einem erleichterten Seufzen senkten und er Willow
ein breites Lächeln zuwarf.
Man
sieht nur das was man sehen will.
Buffy schüttelte mit einem kleinen Lächeln
den Kopf und wandte den Blick wieder von ihren Freunden ab. Am Treppengeländer
hielt sie jedoch inne, festigte den Griff um den Holzbalken und drehte sich mit
dem Oberkörper zurück. „Dieser Dämon...“ Sie schnaubte und zog ihre Augenbrauen
für einen Moment nachdenklich zusammen. Wann war es so einfach geworden ihre
Freunde anzulügen? „Er ist entkommen und ich wollte mich nur kurz umziehen,
bevor ich nach ihm suche.“
Willow lehnte sich gegen die Wand, nachdem
sie in den Eingangsbereich getreten war. Ihr Blick wirkte nachdenklich, fast
abwesend, und sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. Xander stellte sich nach
einigen Sekunden neben sie, ein Lächeln lag auf seinen Lippen während er zu ihr
aufsah. „Klasse! Es wäre nicht dasselbe ohne das Monster der Woche, oder?“
Seine Mundwinkel zogen sich amüsiert nach oben, als er zu Willow blickte, die
seinen Blick jedoch nicht erwiderte und Buffy stattdessen weiterhin anstarrte.
„Ich gehe alleine“, murmelte Buffy keine
Sekunde später. Die Hand, die zuvor in der Manteltasche gewesen war verkrampfte
sich nun ebenfalls um den Kragen und zog den Stoff näher zu ihrem Kinn. Der
Duft von Leder und Tabak stieg in ihre Nase und sie schloss ihre Augen für
einen Moment. Sie konnte selbst nicht glauben wie sehr sie diesen Geruch zu
lieben gelernt hatte. Unter dem Aroma seiner Lieblingszigarettenmarke lag der
Duft seines Aftershaves und einer kaum auszumachenden Nuance des alten
Whiskeys, den er immer trank. Das alles war Spike, jede Facette in dem Textil
gehörte ihm und es brachte ihr eine Ruhe, die sie nicht mehr kannte, seit sie
in ihrem Sarg aufgewacht war. Es erinnerte sie daran, wie er Dawn beschützt
hatte, wie er sie angesehen hatte, als sie in der Nacht ihrer Auferstehung die
Treppen herunter gelaufen war. Wie er immer für sie da war. Er war ihre
Schulter zum anlehnen. Der Anker, der sie am Boden hielt und gleichzeitig die
einzige Form von Leidenschaft, die ihr in ihrem Leben noch geblieben war.
Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken
und als sie aufsah, starrten sie vier Augenpaare ungläubig an. Sofort senkte
sie den Kragen wieder, schmerzlich bewusst darüber, dass sie ihre Nase in das
Leder vergraben hatte.
„Wir haben noch immer nicht über diese
Sache im Wald gesprochen, Buffy“, hörte sie Giles im nächsten Moment sagen und
seufzte lautstark als er zu Dawn blickte.
„Doch haben wir.“ In ihrer Stimme klang ein
barscher Unterton, den sie nicht an sich kannte, und sie schüttelte den Kopf
kurz um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Er wusste genau, dass sie vor
Dawn nicht darüber reden wollte. Er wusste es, und tat es trotzdem. „Ich... ich
bin ihm gefolgt, wir haben gekämpft, ich hab’ mir diese... Betäubungsspritze
selbst in den Arm gerammt und musste ihn töten, bevor ich bewusstlos wurde.“
Sie hob ihr Kinn und erwiderte den Blick ihres Wächters trotzig.
Giles atmete lautstark aus während er sich
die Brille wieder auf die Nase setzte und seine Hände in den Taschen seiner
braunen Jacke vergrub. „Das erklärt nicht die Schusswunde an deiner Schulter,
Buffy, oder wieso wir dich nackt und halb erfroren im Wald gefunden haben.“
„Schusswunde?“ Dawns Augen richteten sich
sofort auf Buffys Oberkörper und sie ging einen Schritt auf die Treppe zu. „Du
wurdest angeschossen?“
Bevor Dawn den Kragen des Mantels zur Seite
ziehen konnte, ging Buffy eine Stufe weiter hoch und zog die Enden noch etwas
fester zusammen. „Es ist nichts“, schnaubte sie leise. „Er hat mich mit seinen
Krallen erwischt, aber es ist schon fast nicht mehr zu sehen.“ Mit einem
Stirnrunzeln begegnete sie Giles ernstem Blick erneut und konnte sich ein
tiefes Seufzen nicht verkneifen. „Dass ich mich nicht daran erinnern kann was
passiert ist als ich bewusstlos war, können Sie mir nicht vorwerfen, oder?“
„Buffy,“ seine Stimme nahm diesen einen speziellen Ton an, der ihr
mit aller Deutlichkeit sagte, dass er dabei war die Beherrschung zu verlieren.
„Ich erkenne eine Schusswunde wenn ich sie sehe.“ Er unterbrach sich selbst und
vergrub eine Hand in seiner Jackentasche. Als er weiter sprach, wurde sein
Tonfall wieder sanfter. „Genauso wie ich Kratzspuren von einer Bisswunde zu
unterscheiden weiß.“
„Oh Gott.“ Dawns Mund öffnete sich und sie
lehnte sich gegen die Wand. Ihr Blick war weiterhin auf Buffy gerichtet,
während sie heftig ein und aus atmete. „Du hast gesagt, dass ein neuer Werwolf
in der Stadt ist... und... Oh Gott.“
„Du wurdest von einem Werwolf gebissen?“
Xander starrte seine Freundin ungläubig an, bevor er zu Willow und schließlich
zu Giles blickte. „Ihr habt das gewusst?“
Willow schwieg und verzog keine Miene
während sie sich von der Wand abstieß und auf die Treppe zulief. Als Buffy
wieder eine Stufe höher stieg, blieb sie am Geländer stehen und runzelte die
Stirn. „Wir sind deine Freunde, Buffy. Wir haben das schon einmal durch
gemacht. Du kannst mit uns reden.“
Nach einigen Sekunden durchschnitt ein
leises Lachen die Stille und endlich ließ Buffy den Kragen los. Kaum merklich
schüttelte sie den Kopf und fuhr sich mit der linken Hand durch die zerzausten
Haare. „Nur weil Oz ein... ein Werwolf war, weißt du nicht was ich durchmache.“
Sie blickte auf und starrte zuerst ihren Wächter und schließlich Xander an.
„Keiner von euch weiß das.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und nahm die
letzten Stufen, die sie noch von dem ersten Stockwerk trennten in zwei großen
Schritten. Oben angekommen lief sie geradewegs in ihr Zimmer und warf die Tür
hinter sich in die Angeln. Es gab nur Einen, der wusste, was sie durchmachte...
und es gab keinen Ort auf der Welt, an den sie in diesem Moment lieber gehen
wollte...
Fortsetzung
folgt