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Titel: My Skin Autor: Anna, annawoerner[at]gmx[dot]net Abgeschlossen: Ja Wörter: 603 |
My Skin
Ich spürte,
wie sie mein Kinn und meine Wange küsste, bis sie meinen Mund fand.
Verschwommen bekam ich mit wie sie mich rüttelte, als ich den Kuss nicht
erwiderte. Meine Glieder waren bleischwer und ich keuchte nur tonlos bei dem
Gefühl ihrer Zunge an meinen Lippen. Nach einigen Sekunden schob ich meine
eigene in ihren Mund. Sie schmeckte salzig. Meine Lippen waren wie betäubt,
fühlten sich pelzig an während ich sie küsste.
Sie beugte
sich gegen mich und fasste in meine Hose. Kühle Luft streifte meine Beine, als
der feste Stoff der Jeans zu meinen Füßen rutschte. Als ihre Finger meinen
Oberarm verließen, taumelte ich rückwärts. Mein Rücken prallte gegen einen
Widerstand. Wand oder Boden. Ich war mir nicht sicher.
Ich musste
mich an etwas festhalten und war überrascht als ich von ihr gehalten wurde. Ich
hörte das Geräusch von Regen, der auf das nahe Dach prasselte und war mir nicht
sicher ob es Realität oder Einbildung war.
Mein Puls
war viel zu schnell. Er dröhnte in meinen Ohren. Ich konnte ihre kleinen Finger
spüren, die meinen Schwanz umgaben und rammte mich selbst darauf. Nach einigen
Stößen passte ich mich ihrem Rhythmus an. Dann blickte ich auf - sah sie an und
konnte sie nicht finden. Ihr Blick war leer. Sie war eiskalt.
Ich spürte
Etwas nasses, das auf mein Gesicht fiel. Kleine heiße Tropfen. Und dann setzte
sie sich auf mich. Als ihre Hitze mich einschloss verwarf ich alle anderen
Gedanken. Mit ruhigem Blick beobachtete ich wie die Schatten an der Zimmerdecke
sich bogen, wie Bäume im Sturm.
Ich merkte,
dass sie schneller wurde. Ihre Hände waren auf meiner Brust. Streichelten meine
Haut. Aber ich spürte nichts. Ich war gelähmt. Mit geweiteten Augen starrte ich
unbeweglich nach oben und ich versuchte etwas zu sagen. Zwei Worte, die niemand
hören würde.
Hilf mir.
Cause I've been
treated so wrong.
I've been treated so long,
as if I'm becoming untouchable.
Ich schloss stumm die Augen, damit ich
es nicht mehr sehen musste. Ich wäre beinahe weggelaufen. So lange ich auch
nachgedacht hatte - ich fand keinen Grund mehr warum ich es nicht tun sollte.
Die Frage in meinem Kopf, warum ich diesen Kerl nicht längst vor die Türe
gesetzt hatte wurde einfach immer lauter. Sollte er doch wieder dorthin gehen
von wo er heute gekommen war. Anscheinend gefiel es ihm dort ja ganz gut.
Scheinbar war es ihm wichtiger als die Zukunft, die wir zusammen geplant
hatten.
Ich konnte nicht fassen, dass ich Angst
davor hatte hier neben ihm zu liegen. Und ich hatte Angst mich auch nur einen
Zentimeter von ihm zu trennen. Stumm musterte ich sein schlafendes Gesicht.
Millimeter für Millimeter. Er sah aus wie eine Leiche. Weiß wie Kalk. Vor
einigen Stunden war ich kurz davor gewesen den Notarzt zu rufen. Nicht um ihm
Schwierigkeiten zu machen, sondern weil ich Angst hatte, dass er morgen seine
grünen Augen nicht mehr aufmachen würde.
Stundenlang lag ich schon so da. Ich
schwieg und hielt die Luft an, damit ich seinen Atem deutlich hören konnte. Er
war unregelmäßig. Ich blinzelte um die Tränen zurückzuhalten. Sie schnürten mir
die Kehle zu. Ich versuchte mich zu wehren. Ich wollte nicht weinen. Nicht für
ihn. Nicht mehr.
Ich kann nicht glauben, wie sehr ich
mich um ihn Sorge. Auch jetzt noch. Wie schlecht ich mich fühlte, weil ich mir
ungefähr vorstellen kann wie es ihm jetzt ging. Schließlich war ich zu schwach
und die erste Träne flog auf meine trockene Wange. Ich drehte mich zur Seite
und vergrub mein Gesicht in dem weichen Kissen, damit er es nicht hören würde.
Am liebsten hätte ich geschrieen, als
ich fühlte, wie der Stoffbezug langsam durchweichte. Ich wusste, ich wollte bei
ihm bleiben. Aber bleiben würde nicht heißen, dass ich ihm helfen könnte.
Bleiben würde nur bedeuten dass er mich kaputt machen würde.
Leise schniefte ich und sah nach
einigen Minuten ganz langsam auf. Starrte ihn an und küsste seine Stirn. Sie
war schweißnass und eiskalt. Ich streichelte ihn und drückte mich ganz nah an
seinen zitternden Körper. Verknotete meine Beine mit seinen und schlang meine
Arme um seine Brust. Sein Kopf viel wehrlos an meine Schulter.
„Ich hasse dich“, flüsterte ich leise
während ich zärtlich seine Schläfe streichelte. Mein Körper war zu klein für
den Schmerz der mich ergriff. Ich schloss wieder meine Augen als von draußen
die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos das Zimmer beleuchtete.
„Ich hasse dich so sehr“, schluchzte
ich und blickte traurig zu dem Bild auf dem Nachttisch. Ein Foto von ihm und
mir. Vor einem Jahr - als wir noch glücklich gewesen waren.
Well, contempt loves the silence.
It thrives in the dark,
the fine winding tendrils that strangle the heart.
They say that promises sweeten the blow,
but I don't need them. No, I don't
need them.
Es war einer dieser kalten
Frühlingsmorgen, viele Tage später. Während sich die ersten Sonnenstrahlen
ihren Weg durch die vielen Baumkronen und vorbei an den meterhohen Reklameschildern
suchten, war der Himmel trüb und leichte Wolken ließen das Blau blässer wirken.
Ich trat stumm an das Fenster und legte
den Kopf schief, während meine Hand den weichen Stoff des Vorhangs umfasste.
Ich zog ihn zu und wunderte mich wie gut meine Augen sich bereits an die
Dunkelheit angepasst hatten. Das dumpfe Ratschen des Reißverschlusses erfüllte
den Raum, als ich meine große Tasche schloss. Dann setzte ich mich auf den Rand
der großen Couch und blickte suchend in den Raum. Ich wollte nichts vergessen.
Fast automatisch fiel mein Blick auf
das riesige Bett. Das Laken war lag in Falten auf der Matratze und beide Kissen
waren auf dem Boden. Und er lag darin. Mit Schuhen und Jacke. Ich musterte
seine Haare, die zerzaust in alle Himmelsrichtungen abstanden. Er schlief
unruhig und ich sah schweigend dabei zu, wie sein Gesicht alle paar Sekunden
plötzlich zur Seite zuckte. Ich konnte sehen, wie seine Augen unter den
geschlossenen Lidern hin und her zuckten. Ich beobachtete ihn stumm und war
verwundert, dass er sich überhaupt erlaubt hatte zu schlafen.
Die ganze Nacht hatte er sich strikt
geweigert das Zimmer zu verlassen. Ich hatte ihn angebrüllt und geschlagen.
Immer und immer wieder. Er war auch nicht gegangen als ich ihn weinend darum
angefleht hatte. Nein, er war nicht gegangen. Er hatte nur geweint und zurück
geschrieen. Irgendwann hatte er sich schweigend aufs Bett gesetzt und nur noch
ins Leere gestarrt. Er gab auf.
Dann war ich gegangen. Weil ich ihn nicht
mehr so sehen wollte. Mit diesem gequälten Blick, diesen zitternden Händen,
diesem trockenen Mund. Die Angst und Verzweiflung in seiner ganzen Erscheinung
raubte mir den Atem. Ich konnte ihm jetzt nicht mehr helfen. Es würde mich
auffressen.
Ich fürchtete mich auch. Natürlich. Vor
dieser großen Welt, die in meinen Augen ohne ihn wertlos und grau war. Doch er
hatte sie verlassen und dass er jetzt vor mir lag änderte daran nichts. In
Wirklichkeit hatte er das auch schon vor langer Zeit.
I've been treated so wrong,
I've been treated so long,
as if I'm becoming untouchable.
I'm a slow dying flower,
I'm the frost killing hour,
sweet turning sour and untouchable.
Ich seufzte leise und stand schließlich
auf. Eine Gänsehaut zog sich über meine Arme, als ich mich zu ihm kniete. Mir
wurde schrecklich kalt. Er wirkte so klein und unschuldig, wie er da lag. Er
war so schrecklich blass - noch viel mehr als sonst. Seine Augen waren noch
immer rot geschwollen vom Weinen.
Und ich wusste, ich sollte mich nicht
sorgen. Doch der Drang ihm mit einem kalten Waschlappen über die viel zu heiße
Stirn zu tupfen überwältigte mich fast. Aber nur fast. Er tat mir so
schrecklich leid, als er seine Knie mit einem schmerzhaften Stöhnen zu seiner
Brust zog. Und das konnte ich nicht mehr aushalten. Er sollte mir nicht Leid
tun. Ich sollte ihn anspucken und verachten, weil er mir das antat. Aber zur
Hölle - wie könnte ich jemals?
Ich legte meine Hand auf seine feuchten
Haare und streichelte langsam darüber. Mit einem tiefen Atemzug saugte ich
seinen vertrauten Duft ein. Ich strich einige schweißnasse Locken ganz
vorsichtig aus seiner Stirn.
Gott, wie ich es liebte ihn auf diese
Weise zu berühren... und Himmel, wie sehr würde ich es vermissen.
I'm a slow dying flower,
frost killing hour,
the sweet turning sour and untouchable.
Ich sah ihn an. Diesen dummen Mann, der
vermutlich nicht mal wusste was er mir angetan hatte. Was er kaputt gemacht
hatte und wie viel er mir genommen hatte. Ich streichelte weiter durch seine nassen
Haare und legte dabei den Kopf schief. Und ich schnaufte leise und wollte
irgendetwas sagen - weil er so schwach wirkte, so hilflos, wie er da lag.
Seufzend schüttelte ich den Kopf und
schloss meine Augen. Und ich erinnerte mich an diese tiefen, blutunterlaufenen
Augenringe... und das kleine, ungläubige Grinsen, das seine weißen Lippen
zierte, als er mich gesehen hatte. Und ich wünschte mir beinahe er hätte
einfach mit einer anderen Frau geschlafen. Das wäre erträglicher gewesen. Dann
hätte ich sagen können „Mein Freund hat mich betrogen.“ und ich hätte über ihn
hinweg kommen können. Manche Freunde taten das eben.
Aber er - er hatte sich entfernt von
mir. Und das Gefühl, dass der Mensch den ich liebte nicht mehr existierte, fraß
mich auf. Er hatte alles in Frage gestellt. Er hatte mich verraten und mir das
Einzige genommen, an das ich geglaubt hatte... Und vermutlich wusste er es
nicht einmal.
Do you remember the way that you touched me before?
All the trembling sweetness,
I loved and adored.
Langsam erhob ich mich und umfasste die
dicke Daunendecke mit beiden Händen. Mit festem Blick zog ich sie über seinen
hin und her zuckenden Körper und strich sie danach glatt. Und ich drückte den
Zeigefinger meiner rechten Hand auf meine nassen Lippen und küsste ihn. Dann
legte ich ihn auf seinen leicht geöffneten Mund und streichelte kurz über die
weiche Oberfläche.
Dann stand ich auf, griff nach dem
Träger meiner großen Tasche und ging. Und ich wusste, dass es ein kleiner Tod
für uns beide war. Aber es war der einzige Weg den ich gehen konnte. Die
einzige Straße, die noch nicht kaputt war.
Es war nicht mehr genug ihn um mich zu
haben. Zu lange habe ich mich in der Gewohnheit fallen lassen. Völlige Stagnierung.
Heute gehe ich vorwärts.
Your face saving promises,
whispered like prayers.
I don't need them.
Ende