Titel: In dieser Nacht

 

Autor: Anna, annawoerner[at]gmx[dot]net

 

Abgeschlossen: Ja

 

Wörter: 603

 

 

 

 

 

In dieser Nacht

 

 

 

 

In jener Nacht war sie eine Ballade, ein wehmütiges Lied über meinen Lenden. Sanft bewegte sie ihr Becken vor und zurück. Sie ritt mich. Nicht fordernd. Nicht ungeduldig. Nicht in jener Nacht.

 

Unentwegt sah ich sie an, wie sie sich auf mir wiegte. Ihr Rhythmus war erregend. Synchronisierter Atem hauchte die Begleitung. Ihre Seufzer waren die Melodie. Wir liebten uns in Moll.

 

Ich lag einfach nur da und ließ es geschehen. Steif wie nie steckte ich in ihr – als wäre ich eine Maschine, bar jeden Gefühls, nur ein Programm ausführend. Die Handschellen ketteten mich an meinen Platz.

Fragmente sinnhafter Gedanken stolperten durch meinen Kopf, sanken nieder, krochen verzweifelt aufeinander zu und fanden dennoch nicht zueinander. Sie konnten sich nicht vereinen. So wie wir es nicht konnten.

 

Ich fand keine Worte, versagte in diesem Moment so endgültig, dass es schmerzte. Ein Gott ohne Himmel, ein Vogel ohne Flügel, ein jämmerlicher Poet auf der ohnmächtigen Suche nach einer einzigen Silbe.

 

Sie war der Ursprung meiner unerträglichen Sehnsucht. Die Liebe, die ich nie zu erhoffen gewagt hatte. Mein Fundament in einer verrückt gewordenen, haltlosen Welt. Sie war die Abrissglocke, die stabile Mauern zu brüchigen Brocken zerschmetterte. Sie war so schön, so stark, so vollkommen. Und doch so abstoßend, so zerbrechlich, so unfertig. Ich wollte ihr das Herz brechen, es herausreißen, ihr das meine geben, in der Hoffnung, sie könnte mich verstehen.

 

Sie ritt mich auf einen farbenprächtigen Regenbogen zu, der sich über unserer zweisamen Hölle gebildet hatte.

 

Ich krampfte meine Finger in das Laken. Die verstörende Erregung ließ mich erzittern. Ich wollte noch nicht... Ich wollte es bis in die Ewigkeit zurückhalten. Bis an das Ende aller Tage und darüber hinaus. Gott sollte mich heute noch nicht richten.

 

Sie stöhnte. Beugte sich vor. Legte ihre Hände auf meine Brust. Sie kam. Sie kam, um zu gehen. Wurde schneller. Nur bedacht auf ihr Glück. Meine Zufriedenheit kommt an zweiter Stelle.

 

Wie gerne hätte ich verzichtet.

 

Doch der Reiz war zu intensiv, als dass ich hätte widerstehen können. Es glitschte und pochte und rieb und saugte. Sie keuchte, wilderte auf mir herum, plünderte und brandschatzte. Fickte mich. Fickte meine Seele. Fickte meine Liebe.

Sie nahm sich alles, was ich ihr noch zu geben hatte. Und ich gab es ihr, gab es ihr mit einem stummen Schrei, während mir Tränen die Wangen hinab liefen.

 

Als es vorbei war, stützte sie ihre Hände neben meinen Schultern auf dem Laken ab. Lange blonde Haare streiften mein Gesicht, verwischten die Tränen zu einem farblosen Ornament, damit sie es nicht sehen musste. Ihre Brüste ruhten mit einer verschwitzten Hitze auf mir.

 

Als ich sie küssen wollte, drückte sie meinen Kopf auf das Kissen zurück und sah mich an. Ihre grünen Augen waren plötzlich wie eisige Seen. Schockgefroren.

 

Ihr Atem streichelte mein Gesicht. Ich wollte etwas sagen. Was auch immer. Etwas musste ich doch sagen. Etwas, dass das verhindern würde. Irgendetwas. Aber sie legte mir ihren Zeigefinger auf die Lippen. Sie hatte Recht. Es war alles gesagt. Wir hatten uns ausgesprochen. Es war vorbei. Dieses eine Mal noch. Das war die Abmachung.

 

Vorsichtig glitt sie von mir herunter. Ich war geschrumpft. Ich war leer. Überall.

 

Sie ging hinüber ins Badezimmer. Was sie nie getan hatte, tat sie in jener Nacht. Sie duschte danach. Sie wusch mich fort. Reinigte sich für etwas Neues.

 

Ich war wie aus Stein, zu keiner Regung fähig. Lag da und starrte auf die Tür. Sie kam wieder herein. Angezogen. Wie schön sie doch war. Sie trat an das Bett heran. Beugte sich zu mir hinunter. Ein letzter Blick, ein letzter Kuss. Den kleinen silbernen Schlüssel legte sie auf das Kissen.

 

 

Ende